Hirntoddiagnostik: Feststellung, Richtlinie und Ablauf

Der Hirntod beschreibt den unumkehrbaren Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen und ist ein sicheres Zeichen des Todes. Um diesen zweifelsfrei festzustellen, folgt die Hirntoddiagnostik einem klar strukturierten, mehrstufigen Verfahren, das ausschließlich auf Intensivstationen durchgeführt werden kann.

Kurz gefasst
  • Die Hirntoddiagnostik prüft, ob das Großhirn, das Kleinhirn und der Hirnstamm ihre Funktion vollständig eingestellt haben.
  • Die Diagnostik nimmt einige Stunden bis Tage in Anspruch und kann nur auf der Intensivstation eines Krankenhauses stattfinden.
  • Die Diagnose gilt dann als sicher, wenn sie von mindestens zwei qualifizierten Fachärztinnen oder -ärzten unabhängig voneinander bestätigt wird.
  • Die Ergebnisse werden protokolliert, archiviert und können jederzeit überprüft werden.

Was ist die Hirntoddiagnostik?

Die Hirntoddiagnostik ist ein streng geregeltes medizinisches Verfahren, mit dem der unumkehrbare Ausfall aller Gehirnfunktionen nachgewiesen werden kann. Liegt der Hirntod vor, so ist der Tod der betreffenden Person sicher nachgewiesen. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. 

Der Hirntod ist ein vergleichsweise seltenes Ereignis und kann nur auf der Intensivstation eines Krankenhauses nachgewiesen werden. Generell trifft er nur auf wenige Prozent aller Sterbefälle zu. Besteht bei einer Intensivstationspatientin oder einem -patienten der Verdacht auf Hirntod, wird die Hirntoddiagnostik eingeleitetDie Untersuchungen sind mehrstufig und streng geregelt. Sie werden von mindestens zwei besonders qualifizierten Fachärztinnen und -ärzten unabhängig voneinander durchgeführt. Beide verfügen über mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung schwer hirngeschädigter Patientinnen und Patienten; mindestens eine Person muss Fachärztin oder -arzt für Neurologie oder Neurochirurgie mit einem relevanten Schwerpunkt sein. Im Falle einer späteren Organ- und Gewebespende dürfen beide Fachärzte weder an der Entnahme noch an der Übertragung der gespendeten Organe beziehungsweise Gewebe beteiligt sein. 

Die Hirntoddiagnostik bei sehr jungen Menschen

Dieser Beitrag stellt die Hirntoddiagnostik bei Erwachsenen dar. Das Gehirn von Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr ist noch nicht ausgereift. Deshalb gibt es für sie ein angepasstes Verfahren zur Hirntodfeststellung. Bei Kindern bis zum vollendeten 14. Lebensjahr muss eine beziehungsweise einer der beiden Untersuchenden Kinderärztin oder -arzt sein.

Piktogramm Voraussetzungen Organspende

1. Prüfung der Voraussetzungen

Voraussetzung für den Hirntod ist, dass das Gehirn schwer geschädigt ist. Im ersten Schritt der Hirntoddiagnostik überprüfen die Ärztinnen und Ärzte, ob tatsächlich ein Hirnschaden vorliegt und was dessen Ursache ist. Ursachen können sein:

-  Hirnblutung oder Schlaganfall
-  Sauerstoffmangel nach Herzstillstand
-  Schwere Schädelverletzung oder Tumor.

Dabei müssen die Ärztinnen und Ärzte ausschließen, dass vorübergehende Ursachen wie Medikamente, Unterkühlung oder Stoffwechselstörungen den Zustand der Patientin oder des Patienten beeinflussen.

Piktogramm Todesfeststellung

2. Feststellung klinischer Symptome

Im zweiten Schritt der Hirntoddiagnostik werden alle Hirnfunktionen überprüft. Beim Hirntod sind diese erloschen.

Der Nachweis erfolgt über die drei klinischen Symptome des Hirntods:

Weitere Details
Piktogramm medizinische Untersuchung

Tiefe Bewusstlosigkeit (tiefes Koma)

Unter Bewusstsein versteht man die Fähigkeit, die Umwelt wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren. Störungen des Bewusstseins entstehen durch Beeinträchtigungen oder Schädigungen des Gehirns. Ein Koma ist eine schwere Form der Bewusstseinsstörung

Es gibt verschiedene Tiefen des Komas:
- Oberflächlich: Reaktionen auf Reize können noch vorhanden sein.
- Tief: Bewusstlosigkeit ohne Augenöffnung; bewusste und unbewusste Reaktionen auf Schmerzreize fehlen (Abwehrreaktionen und Bewegungen oder Anstieg von Blutdruck und Pulsfrequenz). 

Für die Diagnose des Hirntods muss ein tiefes Koma vorliegen. Die Ärztinnen und Ärzte prüfen durch gezieltes Setzen von Schmerzreizen, ob dieser Zustand vorliegt. Solche Reize werden im Zuge der Diagnose mit steigender Intensität am Körper und im Gesichtsbereich gesetzt. Im tiefen Koma fehlen sowohl bewusste als auch unbewusste Reaktionen. 

Ein Koma kann vorübergehender Natur sein. Deshalb ist ein tiefes Koma nur ein Anzeichen für den Hirntod, ist aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Weitere Untersuchungen müssen den Hirntod sicher bestätigen.

Piktogramm medizinische Untersuchung

Ausfall der Hirnstammreflexe

Um die Funktion desHirnstamms zu überprüfen, testen die Fachärztinnen und -ärzte verschiedene Reflexe, die dort gesteuert werden. Bei Personen mit intaktem Hirnstamm lassen sich diese Reflexe – die Hirnstammreflexe – auslösen, bei hirntoten Personen hingegen nicht.
Ein Beispiel ist der Pupillenreflex: Normalerweise verengen sich die Pupillen bei Lichteinfall. Ist der Hirnstamm ausgefallen, so bleibt diese Reaktion vollständig aus.

Piktogramm medizinische Untersuchung

Apnoe-Test: Prüfung des Atemstillstands

Mithilfe des Apnoe-Tests wird der Atemreflex und damit der Funktionszustand des Atemzentrums im Hirnstamm geprüft. Dazu erhält die Patientin oder der Patient zunächst reinen Sauerstoff, um eine sichere Versorgung zu gewährleisten. Anschließend wird die künstliche Beatmung kurzzeitig ausgesetzt. Reagiert der Körper trotz erhöhtem Kohlenstoffdioxidgehalt im Blut nicht mit einem Atemzug, ist das Atemzentrum im Hirnstamm ausgefallen – ein weiteres zentrales Kriterium für den Hirntod.

Piktogramm einer Sprechblase

3. Prüfung der Unumkehrbarkeit

Abschließend wird überprüft, ob der Ausfall aller Hirnfunktionen unumkehrbar ist. Dafür kommen je nach Art und Lage der Hirnschädigung folgende Verfahren zum Einsatz:

1.  Wiederholung der klinischen Untersuchungen nach einer festgelegten Wartezeit (12 beziehungsweise 72 Stunden) 
2.  Apparative Zusatzuntersuchungen, z. B. Messung der Hirndurchblutung oder elektrischen Aktivität.

Erst wenn die Irreversibilität eindeutig belegt ist, gilt der Hirntod als sicher festgestellt.

Alle Ergebnisse werden dokumentiert und archiviert. Kommt es nach der Feststellung des Hirntods zu einer Organ- oder Gewebespende, werden die Protokollbögen mindestens 30 Jahre aufgehoben, um Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

Die Grafik verdeutlicht den Ablauf und die verschiedenen Schritte der Hirntoddiagnostik.

Ausschluss anderer Erkrankungen und Symptome

Bestätigt die Hirntoddiagnostik den Verdacht auf Hirntod, ist der Tod des Menschen nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt.

Auch wenn Maschinen das Herz-Kreislauf-System künstlich aufrechterhalten erhalten können, zerfällt das Hirngewebe nach und nach vollständig. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen.

Der Befund ist eindeutig. Die Untersuchungen der Hirntoddiagnostik verhindern eine Verwechslung mit anderen Erkrankungen und Symptomen, zum Beispiel Koma, Wachkoma (apallisches Syndrom) oder Locked-in-Syndrom. Bei diesen Erkrankungen können noch einige Hirnstammreflexe nachgewiesen werden. Das ist beim Hirntod nicht der Fall.