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Wie ein gerissenes Blutgefäß zum unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) führte

Lesedauer: 5 Minuten
Kurz gefasst

Zahlreiche Ursachen können dazu führen, dass die gesamten Hirnfunktionen unumkehrbar ausfallen und damit der Tod eintritt. Das Fallbeispiel von Maria Dahl veranschaulicht, welche schwerwiegenden Auswirkungen ein gerissenes Blutgefäß im Gehirn haben kann. Sie können am Schicksal von Maria Dahl teilhaben und verfolgen, wie es zum Hirntod kommen kann.

Das Fallbeispiel basiert auf einer realen Gegebenheit aus dem Jahr 2015. Die Namen und Institutionen wurden geändert. Die ungekürzte Fassung finden Sie in der Broschüre „Was ist der Hirntod? Fallbeispiel – Informationen – Erklärungen zum unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen“.

3. August, morgens: erste Anzeichen

Maria Dahl ist 63 Jahre alt. Bis auf kleine Beschwerden hin und wieder fühlt sie sich fit und ist gerne aktiv. Nur ein Bluthochdruck ist bekannt, dank Medikamenten hat sie ihn aber gut im Griff. 

Maria Dahl stellt beim Blick in den Spiegel fest, dass ihr rechtes Augenlid etwas hängt. Sie sieht auch einiges doppelt und ihre Augen sind ungewöhnlich lichtempfindlich.

Schon in den vorherigen Tagen ist ihr eine ganz leichte Muskelschwäche des linken Arms aufgefallen. Ihr fehlt die letzte Kraft und das Heben von Lasten fällt ihr schwerer als üblich. Schmerzen verspürt sie aber nicht. Sie entschließt sich, noch am selben Vormittag ihren Hausarzt aufzusuchen.

Maria Dahl stellt beim Blick in den Spiegel fest, dass ihr Augenlid etwas hängt.

3. August, mittags: Maria Dahl stellt sich ihrem Hausarzt vor

Maria Dahls Symptome deuten auf Veränderungen im Schädelinneren hin. Der Hausarzt vermutet, dass Hirnnerven in ihrer Funktion beeinträchtigt sind. Die Ursache könnte eine krankhaft erweiterte Schlagader im Gehirn, eine Gefäßaussackung (Aneurysma), sein. Es besteht das Risiko, dass das Blutgefäß einreißt und es zu einer Gehirnblutung kommt.

Bestätigt sich der Verdacht, besteht Lebensgefahr. Da Maria Dahl ausdrücklich nicht stationär im Krankenhaus aufgenommen werden möchte, überweist sie der Hausarzt umgehend zu einem Radiologen, um den Verdacht abzuklären.

3. August, nachmittags: bildliche Darstellung des Schädelinnenraums

Mit Hilfe einer Magnetresonanzangiographie (MRA) können Blutgefäße und beispielsweise krankhafte Gefäßaussackungen oder Verengungen der Blutgefäße in allen Körperregionen bildlich dargestellt werden. Die MR-A von Maria Dahls Schädel bestätigt, dass ihre Hirnschlagader an zwei Stellen krankhaft erweitert ist. Da diese Gefäßaussackungen (Aneurysmata) auf einen Hirnnerv drücken, sind sie wahrscheinlich für ihre Beschwerden verantwortlich.

Die beiden Gefäßaussackungen drohen zu reißen und eine Blutung im Schädelinneren zu verursachen. Solche Blutungen führen häufig zu schweren Behinderungen und verlaufen nicht selten tödlich. Der Radiologe stellt die Diagnose und rät Maria Dahl, sich umgehend in einem Fachzentrum behandeln zu lassen.

Maria Dahl und ihr Radiologe besprechen die Untersuchungsergebnisse.

4. bis 5. August: Maria Dahl nimmt sich Zeit zum Überlegen

Maria Dahl ist verunsichert und muss die Befunde und Ratschläge verarbeiten. Sie verbringt zwei Tage zu Hause und vereinbart schließlich eine Aufnahme in der neurochirurgischen Allgemeinstation eines nahegelegenen Krankenhauses.

6. August, morgens: Maria Dahl stellt sich auf einer neurochirurgischen Allgemeinstation vor

Im Aufklärungsgespräch erfährt Maria Dahl das geplante Vorgehen: Unter Narkose sollen die krankhaften Gefäßaussackungen (Aneurysmata) ausgeschaltet werden, um die Gefahr von Blutungen im Schädelinneren zu bannen. Die beteiligten Fachärztinnen und -ärzte schlagen einen Operationstermin für den nächsten Tag vor.Maria Dahl hat Angst vor Komplikationen. Da sich ihre Beschwerden in den letzten Tagen nicht verschlechtert haben, zögert sie, sich überhaupt operieren zu lassen.

Sie entschließt sich, den Eingriff nicht am nächsten Tag, einem Freitag, durchführen zu lassen, sondern erst am Montag. Trotz der Hinweise, dass sie sich in einer lebensbedrohlichen Situation befindet, verlässt sie über das Wochenende auf eigenen Wunsch das Krankenhaus. Die Operation soll nun am Anfang der nächsten Woche stattfinden. Maria Dahl  begibt sich am Vortag der Operation wieder ins Krankenhaus und verbringt die Nacht auf der Station.

9. August, abends: Maria Dahl trifft am Vortag der Operation wieder in der neurochirurgischen Station ein

Maria Dahl begibt sich am Vortag der Operation wieder ins Krankenhaus und erhält abends eine vom Anästhesisten empfohlene Schlaftablette. Sie verbringt die Nacht auf der Station.

10. August, früher Morgen: Maria Dahl bricht zusammen

Maria Dahl bricht auf dem Weg zur Toilette zusammen. Der Stationsarzt findet Maria Dahl auf dem Boden liegend mit Muskelzuckungen am gesamten Körper und weiteren Zeichen eines großen epileptischen Anfalls. Sie ist nicht ansprechbar, hat Schnappatmung und die Pupillen beider Augen sind weit und reagieren nicht auf Licht. Während das krankenhausinterne Rettungsteam der Intensivstation auf dem Weg ist, kommt es bereits zu Pulslosigkeit und Herzstillstand. Der Stationsarzt führt unverzüglich die Herzdruckmassage durch, sodass Maria Dahls Puls wieder tastbar ist und ihr Herz wieder selbstständig schlägt.

Die Ärztinnen und Ärzte legen ihr einen Venenzugang und intubieren sie, um sie künstlich zu beatmen. Allerdings zeigt Maria Dahl nach wie vor lichtstarre Pupillen, keinen Hornhaut- oder Hustenreflex und keine Reaktion auf Schmerzreize. Es liegt eine tiefe Bewusstlosigkeit vor. Um die Ursache für die Verschlechterung ihres Zustandes herauszufinden, wird Maria Dahl umgehend zur Computertomographie (CT) gebracht. Das CT ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem zum Beispiel die Strukturen im Schädelinneren sichtbar gemacht werden können.

Maria Dahl ist auf dem Krankenhausflur zusammengebrochen.

10. August, früher Morgen: CT von Maria Dahls Kopf bestätigt Gehirnblutung

Das Ergebnis des CT bestätigt den Verdacht: Mindestens eine Gefäßaussackung (Aneurysma) ist gerissen und es ist zu Blutungen im Schädel gekommen. Der geplante Eingriff zur Behandlung der Gefäßaussackung ist unter den neuen Notfallbedingungen nicht mehr möglich. Als Folge der Blutung ist der Druck im Schädelinneren krankhaft erhöht.

Der Schädelinnendruck bleibt zu hoch

Der hohe Schädelinnendruck muss als Erstes behandelt und gesenkt werden. Maria Dahl wird ein kleiner Zugang (Katheter) im Schädel gesetzt und darüber mit Blut angereichertes Nervenwasser abgelassen. Unter günstigen Bedingungen sinkt danach der Druck im Schädelinneren, sodass das Gehirn wieder besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt wird. Allerdings gelingt das bei Maria Dahl nicht: Der Schädelinnendruck kann nicht ausreichend gesenkt werden und weitere Untersuchungen deuten darauf hin, dass ihr Gehirn nur mangelhaft durchblutet wird. Das ist auf Dauer lebensbedrohlich.

Die Ärztinnen und Ärzte unternehmen weitere Behandlungsversuche, um den Schädelinnendruck zu senken. Doch keine Maßnahme ist erfolgreich. Die erfahrenen Ärztinnen und Ärzte müssen erkennen, dass sich der Gehirnstoffwechsel bei Maria Dahl nicht unter Kontrolle bringen lässt und kaum noch zu regeln ist.

10. August, abends: Die Ärztinnen und Ärzte vermuten, dass Maria Dahl nicht mehr zu retten ist

Trotz aller Maßnahmen zeigt sich, dass das Gehirn von Maria Dahl immer weniger durchblutet wird. Die Ärztinnen und Ärzte befürchten, dass Maria Dahl nicht mehr zu retten ist: Der sehr hohe Schädelinnendruck wird vermutlich weiter ansteigen und die Durchblutung des Gehirns zum Erliegen bringen.

Als weitere Folge werden Teile des Gehirns absterben. Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen besprechen sich über Maria Dahls Zustand und fassen zusammen:

  • Es liegt eine schwere, lebensbedrohliche Gehirnblutung aus einer Hirnschlagader vor.
  • Die Untersuchungen legen nahe, dass die Gehirndurchblutung zum Stillstand gekommen ist.
  • Es ist nicht gelungen, Maria Dahls Zustand zu verbessern.
  • Beide Pupillen sind seit nunmehr einigen Stunden geweitet und reagieren nicht auf Lichteinfall.
  • Der Hustenreflex kann nicht ausgelöst werden.

Es ist wahrscheinlich, dass der Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) bereits eingetreten ist oder kurz bevorsteht. Der Zustand von Maria Dahl lässt sich aktuell nicht zweifelsfrei einschätzen, da Narkosemittel und andere Medikamente noch eine Restwirkung haben können. Sobald die Restwirkungen nachgelassen haben, beschließen die Ärztinnen und Ärzte, die Diagnostik des unumkehrbaren Ausfalls der gesamten Hirnfunktionen (Hirntoddiagnostik) einzuleiten.

11. August, morgens: Die Hirntoddiagnostik bestätigt den Anfangsverdacht

Um den unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) sicher nachzuweisen, leiten die Fachärztinnen und -ärzte ein mehrstufiges Diagnostikverfahren ein. Dieses muss den Vorgaben folgen, die in der Richtlinie der Bundesärztekammer festgeschrieben sind. Die Diagnostik muss von zwei Fachärztinnen oder Fachärzten unabhängig voneinander durchgeführt und die Diagnose Hirntod bestätigt werden. Erst dann gilt der Hirntod als sicher nachgewiesen.

Die Hirntoddiagnostik bei Maria Dahl bestätigt den Verdacht. Mit dem unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) ist ihr Tod nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt.

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