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Immer wieder musste ich schreiben: Ich heiße Sascha Koch.

Lesedauer: 5 Minuten
2015 hat eine Pilzvergiftung Sascha Kochs Leben schlagartig verändert. Seitdem lebt er mit einer Spenderleber.

Ein Pilzgericht mit schweren Folgen

Es war ein milder Herbsttag. Meine Freundin hatte Äpfel und Pilze mit nach Hause gebracht, die sie selbst gesammelt hatte. Ganz sicher, was das für Pilze waren, war sie sich nicht. Ich selber habe Pilze nie wirklich gerne gegessen. Wir beide kannten uns also nicht wirklich aus. Am selben Tag waren wir noch bei guten Freunden zu Besuch. Die hatten uns immer mal wieder Pilze mitgebracht und kannten sich da eher aus.

Wir haben ihnen die Pilze gezeigt, und die meinten sie wären essbar. Nachmittags, als wir wieder zu Hause waren, hat meine Freundin uns die Pilze gebraten. Es war auch sehr lecker. Abends sind wir dann noch zu Freunden gefahren und hatten dort einen schönen Abend.

Sascha Koch geht es immer schlechter

Schon auf dem Rückweg war es mir flau im Magen. In der Nacht, so gegen eins, fingen dann die Beschwerden an: Bauchkrämpfe, Erbrechen und Durchfall. Also, wirklich sehr heftig. Es war so schlimm, dass ich schnell merkte, irgendwas stimmt da nicht. Das ist nicht normal. Mir war klar, dass ist keine einfache Lebensmittelvergiftung oder eine Grippe. Das hat sich anders angefühlt. Meine Freundin ist dann auch aufgewacht und bei ihr ging dann das gleiche auch los. Nach nur kurzer Zeit stand ich kurz davor zusammenzubrechen. Ich rief meine Mutter an, die uns beide direkt ins nächste Krankenhaus brachte.

Die Giftpilze greifen Sascha Kochs Leber an

Im Krankenhaus wurde uns schnell die Diagnose einer Gastroenteritis, also einer Magen-Darm-Grippe, gestellt. Ich hatte dem Arzt auch von den Pilzen erzählt, aber er hat das eigentlich als Grund ausgeschlossen. Wie wurden dann beide stationär ins Krankenhaus aufgenommen. Meine Freundin beharrte immer darauf doch bitte zu prüfen, ob die Pilze schuld an unserem Zustand sein könnten. Aber das wurde zunächst abgewunken. Nach einer Infusion ging es uns kurzzeitig auch wieder besser. Aber leider nur kurzzeitig. Daher holte dann meine Mutter die Pilzstiele, die wir nicht mitgegessen hatten, aus unserer Biotonne um sie bestimmen zu lassen.

Ein Giftexperte hat  die Stiele untersucht. Der kam dann zu uns ins Krankenhauszimmer und teilte uns mit, dass wir den grünen Knollenblätterpilz gegessen hatten. „Ihr habt so Glück, dass ihr noch lebt,“ teilte uns der Experte mit.  Der grüne Knollenblätterpilz ist einer der giftigsten Pilze, die es gibt. Da dachte ich noch: „Ok, Pilzvergiftung. Jetzt geht’s Dir noch zwei, drei Tage schlecht und dann ist es aber wieder gut.“.

  • Irgendwie konnte ich da immer noch nicht wirklich fassen, wie schlimm die Situation war.

Die einzige Möglichkeit ist eine Spenderleber

Am nächsten Tag kam ein Ärzteteam ins Zimmer. Die teilten mir mit, dass mir sofort eine Leber transplantiert werden muss. Das konnte ich gar nicht richtig realisieren. Ich dachte nur: „Wie bitte?! Gestern war noch alles gut und jetzt Organversagen, Lebertransplantation?“ Irgendwie konnte ich da immer noch nicht wirklich fassen, wie schlimm die Situation war.

Meine Freundin und ich wurden dann in die  Medizinische Hochschule Hannover verlegt. Ihr ging es zu diesem Zeitpunkt noch schlechter als mir. Ich weiß noch, wie ich sie mit dem Infusionsständer in der Hand in ihrem Zimmer besucht habe, um nach ihr zu sehen. An die nächste Zeit hab ich nicht mehr so genaue Erinnerungen. Ich weiß noch, dass die Ärzte meine Leberfunktion überwacht haben. Die hat immer weiter abgenommen. Erst waren es noch zwanzig Prozent, dann zehn, dann fünf, dann drei. Dann wurde ich von einem Arzt über die Organtransplantation aufgeklärt. Ich habe gefragt, „Wenn ich das Organ nicht nehme, was bleibt mir für eine Option?“ Er konnte mir dann nur sagen, „Ohne die Transplantation werden Sie sterben.“

Mein Zustand verschlechterte sich weiter, auch andere Organe versagten. Ich war mittlerweile auf der Intensivstation und auch an der Dialyse, weil die Nieren auch nicht mehr funktionierten. Ich erinnere mich noch, dass ich einfache Schriftproben machen musste. Immer wieder musste ich schreiben: „Ich heiße Sascha Koch.“ Und das hat am Anfang noch gut funktioniert. Als auch mein Gehirn zunehmend vergiftet wurde, habe ich dann aber kaum noch ganze Buchstaben hinbekommen.

Die Leber wird transplantiert

Irgendwann wurde es so schlimm, dass ich gar nicht mehr wusste, was eigentlich um mich herum alles passierte. Halluzinationen hatte ich da auch. Das war sehr seltsam und erschreckend. Für mich war das ziemlich schlimm. An die Nachricht, dass ein geeignetes Organ da ist, kann ich mich schon nicht mehr erinnern. Die Spenderleber wurde dann transplantiert.

Auch die Zeit direkt nach der Transplantation der Leber ist total verschwommen. Ich weiß nur noch, dass ich ziemlich neben mir stand. Die Zeit im Krankenhaus kam mir vor wie mehrere Monate, dabei waren es nur knapp zwei Wochen gewesen. An einige Dinge kann ich mich sehr intensiv erinnern, wie einzelne Gespräche mit den Ärzten, an andere überhaupt nicht.

Sascha Koch muss sich an das Leben mit der Spenderleber gewöhnen

Nach der Transplantation musste ich mich erst daran gewöhnen, jeden Tag Tabletten zu nehmen. Am Anfang war das ja auch ein riesen Berg. Für mich war das ein Horror. Auch Gehen musste ich erst wieder wirklich schrittweise üben, am Anfang noch mit jeder Menge Schläuchen am und im Körper. Nach den zwei Wochen, in denen ich nur gelegen hatte, musste ich meine Muskulatur erstmal wieder aufbauen.

Da habe ich mir dann auch Gedanken gemacht, wie das Leben mit dem neuen Organ weitergeht? Zu diesem Zeitpunkt war alles sehr emotional für mich. Auf der einen Seite war ich dankbar, auf der anderen Seite war ich auch geschockt und habe mir die Frage gestellt, warum hat es gerade mich getroffen? Ich fing dann erst an, mich mit der Situation wirklich auseinander zu setzen. Es ging ja vorher alles blitzschnell: Zwischen meiner Einlieferung ins Krankenhaus bis zur Transplantation lagen nur vier Tage.

Zuhause wurde es dann besser. Ich habe auch wirklich gekämpft, um wieder auf die Beine zu kommen. Es gab zwar immer wieder Rückschläge, aber ich habe mir Ziele gesetzt. Wieder Motorcross fahren zu können, zum Beispiel. Für mich ist das mehr als ein Hobby gewesen. Heute engagiere ich mich auch bei einem Verein für transplantierte Kinder, den Transplant-Kids. Es ist toll zu sehen, dass die Kinder einfach ganz normale Kinder sein können. Und es hilft, sich mit Menschen auszutauschen, die ebenfalls mit einem Spenderorgan leben. Auch mir hilft das.

Sascha Koch musste sich an das Leben nach der Transplantation gewöhnen. Heute kann er wieder Motocross fahren.

Es gibt ein Leben davor und danach

Die Transplantation war ein Einschnitt in meinem Leben. Nur nach und nach habe ich realisiert, was da eigentlich passiert ist. Für mich gibt es ganz klar ein Leben davor und danach. Ich habe mich auch als Typ verändert, lebe jetzt bewusster und merke, dass ich empathischer geworden bin. Klar, ich muss jetzt vorsichtiger leben und mein Leben lang Medikamente nehmen. Aber wenn es mir mal nicht so gut geht, denke ich daran, was ich für ein Glück hatte, ein Spenderorgan zu bekommen. Schlechte Laune lasse ich dann nicht zu. Ich finde, das bin ich der Spenderin schuldig.

Meine Freundin ist übrigens jetzt meine Frau. Sie hat die Vergiftung gut überstanden. Ihre Leber hat sich wieder von der Pilzvergiftung erholt. Meine Frau lebt heute mit ihrer gesunden Leber. Ich schätze, ich hatte einfach Pech. Oder Glück. Alles eine Frage der Perspektive.

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