Der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) als Voraussetzung zur Organspende

Eine Organspende nach dem Tod (postmortale Organspende), ist nur dann möglich, wenn bei der verstorbenen Person der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt wurde. Die Bezeichnung „Hirntod“ beschreibt einen besonderen Zustand, bei dem die Gesamtfunktion des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen ist. Mit der Diagnose Hirntod ist der Tod des Menschen sicher festgestellt.

Das Herz-Kreislauf-System einer hirntoten Person kann durch intensivmedizinische Maßnahmen für eine begrenzte Zeit künstlich aufrechterhalten werden. Auf diese Weise werden Organe weiter durchblutet und können so für eine Transplantation entnommen werden. Sollen keine Organe gespendet werden, werden nach der Diagnose Hirntod alle intensivmedizinischen Maßnahmen zeitnah eingestellt.

Was ist der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod)?

Das Gehirn ist die Steuerzentrale des  Darstellung " der für den Ausfall der Hirnfunktionen bedeutsamen Teilbereiche des Gehirns. "Bild vergrößern[mit aktivem Javascript: Link überblendet Fenster mit einem modalen Dialogfeld]Darstellung, der für den Ausfall der Hirnfunktionen bedeutsamen Teilbereiche des Gehirns.
Körpers und kann in drei Teilbereiche gegliedert werden: Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Ist die Gesamtfunktion dieser Bereiche unumkehrbar erloschen, ist die Person tot. Mit dem Hirntod ist das Gehirn als übergeordnetes Steuerorgan unwiderruflich ausgefallen und der Tod des Menschen sicher nach neurologischen Kriterien festgestellt. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen.
 

Welche Ursachen gibt es für einen unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod)?

Links: normal durchblutetes Gehirn. Rechts: fehlende Durchblutung, die im Falle des Hirntods vorliegt (mittels Angiographie sichtbar gemacht).Links: normal durchblutetes Gehirn. Rechts: fehlende Durchblutung, die im Falle des Hirntods vorliegt (mittels Angiographie sichtbar gemacht).
Das Gehirn wird durch Blut konstant mit Sauerstoff versorgt. Es reagiert sehr empfindlich auf Sauerstoffmangel. Bereits eine Unterbrechung der Blutzufuhr für wenige Minuten kann zu einer bleibenden Schädigung und letztendlich zum unumkehrbaren Ausfall der Funktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm führen.

Der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) ist die Folge einer schweren Hirnschädigung. Ursachen dafür können Hirnblutungen, Hirntumore, Schlaganfälle oder Hirnhautentzündungen sein. Auch Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkte können die Durchblutung des Gehirns beeinträchtigen und zu einer Hirnschädigung führen. Schwere Schädel-Hirnverletzungen, wie sie zum Beispiel bei einem Unfall verursacht werden können, können ebenfalls zum Hirntod führen.

Der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) und Organspende

Die Feststellung des unumkehrbaren Ausfalls der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) ist völlig unabhängig von einer möglichen Organspende. Das Verfahren zur Feststellung des Hirntods wird durchgeführt, um sichere Erkenntnisse über den Zustand einer Patientin oder eines Patienten zu gewinnen. Ist der Hirntod nachgewiesen, so werden alle medizinischen Maßnahmen zeitnah eingestellt. Soll eine Organspende stattfinden, wird das Herz-Kreislauf-System der verstorbenen Person für eine kurze Zeit bis zur Organentnahme künstlich aufrechterhalten.

Bei einer hirntoten Person ist die Steuerungsfunktion des Gehirns unwiderruflich erloschen. Eine Folge davon ist, dass die Person nicht mehr selbständig atmen kann. Ohne maschinelle Beatmung führt der eintretende Sauerstoffmangel unweigerlich zum Herz-Kreislaufstillstand. Durch maschinelle Beatmung und Medikamente kann der Herz-Kreislaufstillstand für eine gewisse Zeit hinausgezögert werden. Da unter diesen Bedingungen die Organe weiter durchblutet werden, besteht die Möglichkeit, Organe für die Transplantation zu entnehmen. Ist hingegen das Herz-Kreislauf-System zusammengebrochen, werden die Organe aufgrund der fehlenden Durchblutung und Sauerstoffversorgung zunehmend geschädigt, so dass sie nicht mehr übertragen werden können.

Zwischen 2013 und 2017 meldeten Krankenhäuser jährlich etwa 1.200 Personen in Deutschland, bei denen der Hirntod nachgewiesen wurde und die als mögliche Organspender in Betracht kommen. Im selben Zeitraum wurden jedes Jahr bei etwa 850 dieser Verstorbenen Organe für eine Transplantation entnommen.

Organspende: Entscheidung erst nach der Hirntod-Diagnose

Grafik: Ablauf einer Organspende.Bild vergrößern[mit aktivem Javascript: Link überblendet Fenster mit einem modalen Dialogfeld]Optionen nach Hirntod-FeststellungLiegen keine medizinischen Gründe vor, die eine Organspende ausschließen, wird nach der Feststellung des Hirntods zunächst die Organspendebereitschaft des Verstorbenen geklärt. Wird eine Organentnahme abgelehnt, werden die intensivmedizinischen Maßnahmen und damit die künstliche Aufrechterhaltung des Kreislaufes, umgehend eingestellt. Liegt eine Zustimmung zur Organspende vor, werden die intensivmedizinischen Maßnahmen kurzzeitig fortgesetzt, damit die Organe weiter durchblutet werden und anschließend transplantiert werden können.
 

Wie wird der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt?

Es gibt ein festgeschriebenes Vorgehen, wie der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt wird. Dieses Vorgehen, die Hirntod-Diagnostik, ist in einer Richtlinie der Bundesärztekammer genau beschrieben und ist deutschlandweit verbindlich. Wird der Hirntod mit Hilfe dieses Vorgehens festgestellt, ist der Tod des Menschen zweifelsfrei nachgewiesen.

Das Vorgehen zur Feststellung des Hirntods (Hirntod-Diagnostik) müssen zwei erfahrene Fachärztinnen oder Fachärzte unabhängig voneinander durchführen. Beide müssen ihre Diagnose anhand des Hirntodprotokolls sorgfältig dokumentieren. Die Ärztinnen oder Ärzte, die den Hirntod feststellen, dürfen selbst nicht an der Organentnahme oder der Transplantation beteiligt sein.

Schaubild: Das Vorgehen der Hirntod-Diagnostik (hier für Personen ab Beginn des dritten Lebensjahres) erfolgt über drei Stufen: I. Prüfung der Voraussetzungen, II. Feststellung klinischer Symptome und III. Nachweis der Unumkehrbarkeit.Das Vorgehen der Hirntod-Diagnostik (hier für Personen ab Beginn des dritten Lebensjahres) erfolgt über drei Stufen: I. Prüfung der Voraussetzungen, II. Feststellung klinischer Symptome und III. Nachweis der Unumkehrbarkeit.

Der Nachweis des Hirntods erfolgt in drei Stufen:

  • Prüfung der Voraussetzungen: Zunächst wird geprüft, ob die Voraussetzungen für einen unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen vorliegen. Hierzu wird die Art und Ursache der Hirnschädigung ermittelt und mögliche behebbare Einflüsse auf die Hirnfunktionen (zum Beispiel durch Medikamente) werden ausgeschlossen.
  • Feststellung klinischer Symptome: Anschließend müssen alle in der Richtlinie geforderten klinischen Ausfallsymptome nachgewiesen werden. Hierbei handelt es sich um Untersuchungen verschiedener Hirnstamm-Reflexe wie zum Beispiel der Pupillenreaktion und der Spontan-Atmung. Dadurch werden unterschiedliche Funktionen in verschiedenen Gehirnarealen geprüft.
  • Unumkehrbarkeit: Als nächstes wird die Unumkehrbarkeit (Irreversibilität) des Ausfalls der Hirnfunktionen geprüft. Abhängig von Ursache und Schwere der Hirnschädigung erfolgt dies
    • nach vorgeschriebener Wartezeit durch Wiederholung der klinischen Untersuchungen, oder
    • ohne Wartezeit mittels apparativer Zusatzdiagnostik (Untersuchung der elektrischen Aktivität und Durchblutung des Gehirns).

Wird die Unumkehrbarkeit des Hirnfunktionsausfalls festgestellt, ist der Tod des Menschen nachgewiesen.

Kann ein hirntoter Mensch wieder ins Leben zurückkehren?

Nein, bestätigt sich die Verdachtsdiagnose "unumkehrbarer Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod)" nach einer korrekt durchgeführten Untersuchung, ist der Tod des Menschen sicher nach neurologischen Kriterien festgestellt. Auch wenn unter künstlicher Beatmung das Herz-Kreislauf-System aufrechterhalten werden kann, wird beim Vorliegen des Hirntods das Hirngewebe nach und nach vollständig abgebaut. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen.

Wie lange kann ein hirntoter Mensch künstlich beatmet werden?

Exakte Angaben in Wochen, Tagen und Stunden sind dazu nicht möglich, da jeder Fall individuell ist. Trotz Beatmung beginnt allerdings etwa 12 Stunden nach dem Ausfall der Hirndurchblutung der Zerfall des Gehirns. Nach etwa einer Woche hat sich das Hirngewebe durch die Wirkung von Enzymen selber aufgelöst und verflüssigt. Trotz Intensivtherapie kommt es zum Herz-Kreislauf-Versagen. Wann genau dies eintritt, lässt sich zeitlich nicht exakt vorhersagen.

Kann der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) nicht mit anderen Erkrankungen (zum Beispiel Koma, Locked-in-Syndrom) verwechselt werden?

Der Hirntod kann zweifelsfrei von anderen Erkrankungen und Symptomen unterschieden werden. Die Untersuchungen, die im Verlauf der Diagnostik des Hirntods durchgeführt werden, lassen eine eindeutige Abgrenzung dieses Befundes von anderen Erscheinungen zu. Bei Erkrankungen wie einem Koma oder dem Locked-in-Syndrom sind nicht alle Hirnfunktionen unumkehrbar ausgefallen.

Wie kommt es zum unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod)?

Die häufigste Ursache (2016: 52 Prozent) für den Hirntod bei Organspendern ist eine Hirnblutung (intrakranielle Blutung). Hirnblutungen können zum Beispiel die Folge eines Bluthochdrucks oder eines geplatzten Blutgefäßes sein. Schädelhirntraumen, die zum Beispiel in der Folge eines Unfalls entstehen können, spielen mit 16 Prozent (2016) eher eine untergeordnete Rolle.

Übersicht zu den Todesursachen der Organspender in Deutschland 2016.

Warum erhält ein Hirntoter keine Vollnarkose vor der Organentnahme?

Bei einer lebenden Person soll die Narkose dazu dienen, dass der Patient keine Schmerzen empfindet, in einen schlafähnlichen Zustand versetzt wird und die Muskeln des Patienten entspannt werden.

Für jedes dieser Ziele gibt es ein Medikament:

  • Ein Mittel gegen Schmerzen (Analgetikum),
  • ein Schlafmittel (Hypnotikum) und
  • ein Mittel zur Muskelerschlaffung (Muskelrelaxans).

Vor einer Organentnahme wurde zweifelsfrei der Tod durch den unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt. Dies bedeutet, dass Rezeptoren im Gehirn funktionslos sind und eine Schmerzwahrnehmung nicht mehr stattfinden kann. Muskelrelaxantien werden dagegen verabreicht, um sogenannte spinale Reflexe zu verhindern. Spinale Reflexe sind Reflexe, die von den Nerven im Rückenmark ausgehen. Diese können Spontanbewegungen und den Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz während der Organentnahme auslösen und die Organentnahme erschweren.

Warum kann eine Schwangere mit unumkehrbarem Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) ein Kind austragen?

Es tritt äußerst selten ein, dass ein Kind bis zur Lebensfähigkeit in einer hirntoten Schwangeren heranwachsen kann. Die Fortführung einer solchen Schwangerschaft erfordert maximale intensivmedizinische Maßnahmen und ist nur möglich, weil alle aktiven Stoffwechselleistungen vom Ungeborenen selbst erbracht werden. Die Schwangerschaft wird durch die hormonelle Steuerung des Mutterkuchens (Plazenta) aufrechterhalten und nicht vom Gehirn der Mutter. Voraussetzung hierfür ist eine Versorgung des Kindes über den mütterlichen Kreislauf.

Ist ein Mensch, bei dem der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt wurde, wirklich tot, oder ist er ein Sterbender?

Sterben ist kein punktuelles Geschehen, sondern ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum erstrecken kann. Mit dem Fortschreiten dieses Prozesses kommt es mehr und mehr zum Zerfall wichtiger Funktionssysteme. Wo genau in diesem Prozess die Zäsur zwischen Leben und Tod gesetzt werden kann oder soll, ist nicht einfach zu beantworten. Der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) ist deshalb ein maßgebliches diagnostisches Zeichen für den bereits eingetretenen Tod, weil er eindeutig den unwiederbringlichen Verlust der zentralnervösen Steuerung der elementaren Lebensfunktionen und die Zerstörung der Einheit des Menschen als körperlich-geistiges Wesen markiert. In der Folge sterben nach und nach auch alle anderen Körperteile und Körperzellen ab, die letzten sogar erst nachdem ein Mensch schon lange bestattet wurde. Dies gilt unabhängig davon, unter welchen Umständen und aus welchem Grund der Tod eingetreten ist.

In seiner 2015 veröffentlichten Stellungnahme Hirntod und Entscheidung zur Organspende ist der Deutsche Ethikrat  einstimmig der Auffassung, dass der Hirntod als Voraussetzung für eine postmortale Organspende zulässig ist. Ein hirntoter Mensch ist nicht mehr in der Lage Dinge wahrzunehmen oder zu empfinden. Mit dem Ausfall aller Hirnfunktionen ist die Denk- und Entscheidungsfähigkeit komplett und unwiederbringlich erloschen. Die Mehrheit der Mitglieder des Ethikrats erkennt den Hirntod als ein sicheres Todeszeichen an. Eine Minderheit der Mitglieder versteht das Eintreten des Hirntods nicht als den endgültigen Tod des Menschen. Das Gehirn, als Sitz von Persönlichkeit und Bewusstsein, nimmt zwar eine besondere Rolle ein, doch sein Absterben ist nicht mit dem Tod des ganzen Organismus gleichzusetzen. Einzelne körpereigene Prozesse, wie zum Beispiel die Reaktion des Abwehrsystems auf Krankheitserreger, laufen ohne Steuerung des Gehirns auch bei hirntoten Menschen ab.

Obwohl die Mitglieder des Ethikrates die Grenze zwischen Leben und Tod an unterschiedlichen Stellen ziehen, sind sie sich einig, dass mit dem Hirntod eine Organentnahme legitim ist. Die zusammenfassende Pressemitteilung zur Stellungnahme des Deutschen Ethikrates finden Sie hier: www.ethikrat.org/presse/pressemitteilungen/2015/pressemitteilung-01-2015