Julia Fricke

Julia Fricke im Frisörsalon ihrer Mutter. * geboren am 05. Juni 1984
* Herztransplantation am
28. November 2007

Julia Fricke lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn Joshua in Bockenem, einem kleinen Dorf am Rande des Harzes.

Julia Fricke ist Organpatin, weil ihr Sohn Joshua so gerne zur Schule geht.

2001 beginnt Julia Fricke ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Noch während der Lehre wird ihr Sohn Joshua geboren. Ein halbes Jahr später treten die ersten gesundheitlichen Probleme auf. Liegt es am Stress? Ist Julia mit der Aufgabe als Auszubildende und Mutter überfordert? Auf diese Fragen weiß auch der Hausarzt keine schlüssigen Antworten. Die ärztlichen Untersuchungen führen zunächst zu keiner klaren Diagnose.

Die gesundheitlichen Probleme verschlimmern sich. Aus der anfänglichen Schwäche wird Atemnot. Anfang 2005 stellen die Ärzte fest: Julia Fricke leidet unter einer Mitralklappeninsuffizienz. Es heißt, sie habe ein zu großes Herz und brauche irgendwann ein Spenderorgan. Trotzdem klingt die Botschaft für die junge Patientin zunächst noch nicht dramatisch: "Die Situation lässt sich medikamentös beherrschen, so dass eine Transplantation in etwa zehn Jahren notwendig sein wird", lautet die Prognose der Mediziner.

Die Diagnose

"Mit 20 Jahren mag man sich nur widerwillig mit einer Krankheit auseinandersetzen. Die Ängste ließen sich jedenfalls prima verdrängen", blickt Julia zurück. Und tatsächlich geht es ihr erst einmal besser. Doch im März 2005 erkennen die Ärzte an der Medizinischen Hochschule in Hannover das Ausmaß der Erkrankung. Wenige Monate später folgt eine operative Mitralklappenrekonstruktion, die Julias Lebensqualität erhöhen soll. Der Zustand verbessert sich jedoch nicht, so dass ihr Name im März 2006 in die Transplantationsliste aufgenommen wird.

Für die Angehörigen ist Julias Erkrankung ein Déjà vu-Erlebnis. Auch Vater Peter war schwer herzkrank, litt unter ähnlichen Symptomen und erhielt schließlich ein Spenderherz. Damit lebt er seit zwei Jahrzehnten. Heute geht es ihm gut. Doch Familie Fricke scheint 2005 ein weiteres Mal vor derselben Prüfung zu stehen. Die Erkrankung von Vater und Tochter sind nahezu identisch. Es ist ein Zufall und kein genetisch prognostizierbares Schicksal.

Obwohl die Erkrankung für alle ein schwerer Schlag ist, hat Julia einen Vorteil: Sie kennt die Problematik und ist besser vorbereitet als andere Patienten, die auf ein Spenderorgan warten. Der unmittelbare Kontakt mit einem Transplantierten hilft ihr. "Ich habe sehr von den Erfahrungen und der Nähe zu meinem Vater profitiert."

Der Anruf

Julia Fricke sitzt auf einem Stuhl im Garten. Im November 2007 ist es soweit. Eines Morgens klingelt das Handy: "Das Gespräch werde ich nie vergessen. Mein Freund und mein Sohn kauften gerade Brötchen und ich saugte Staub. Da erhielt ich die Nachricht, man habe ein Herz für mich. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte", erinnert sich Julia.

Es ist ein Zufall, dass alles so schnell klappt. Julias Name steht noch nicht auf der Dringlichkeitsliste. Doch das Herz des Verstorbenen passt nur ihr. Während ein Großteil der Patienten im Krankenhaus auf ein geeignetes Organ wartet, viele sogar auf der Intensivstation liegen, eilt Julia mitten aus dem Leben zur Transplantation in die Medizinische Hochschule nach Hannover.

Fünf Tage nach dem Eingriff ist sie erstmals bei vollem Bewusstsein: "Mein Vater und meine Mutter kamen ins Zimmer. Ich habe meinen ersten Pudding mit zittrigen Händen gegessen. Mir ging es gut. Ich war zwar noch ein wenig schlapp, hatte aber keine Schmerzen." Noch vor Weihnachten wird Julia aus dem Krankenhaus entlassen und erholt sich weiter bei den Eltern. Die Heilung verläuft optimal. Das Vertrauen in den eigenen Körper wächst von Tag zu Tag.

Intaktes Umfeld

Wie bereits vor der Transplantation bleibt ihr Leben von wesentlichen Konstanten geprägt: Die familiäre Geborgenheit und die dörfliche Gemeinschaft schützen sie und geben ihr Kraft. Julia wohnt nur einen Katzensprung entfernt von den Eltern. Diese Nähe ist ihr nach wie vor sehr wichtig. Das gemeinsame Schicksal, das Vater und Tochter überstehen mussten, hat die Bande noch enger geknüpft. Im Ort wissen alle um Julias Krankheitsgeschichte. Bis heute erkundigen sich viele Nachbarn nach ihrem Befinden.

Vieles im Leben dreht sich um den 6-jährigen Sohn. Joshua hält seine Mutter ordentlich auf Trab: spielen, Fahrrad fahren, all die Dinge, die Mütter mit ihren Kindern so gerne machen. Nun wird Joshua eingeschult. Vor einigen Jahren war dieses Ereignis ein markantes Datum: "Vor der Transplantation habe ich gehofft, dass ich Joshuas Einschulung erlebe. Jetzt weiß ich, dass ich ihn viel länger begleiten kann."

Sehnsucht nach einer beruflichen Perspektive

Julia Fricke im Frisörsalon ihrer Mutter. Sie schaut in einem Spiegel. Julia fehlt nur eins: die berufliche Perspektive. Leider konnte sie ihre Ausbildung nicht beenden. Eine Karriere als Krankenschwester bleibt ihr aufgrund der erhöhten Infektionsgefahr versagt. Auch eine Ausbildung im Friseursalon der Mutter ist keine Alternative. Das lange Stehen, der intensive Kontakt mit den Kunden und der Umgang mit Chemikalien schließen einen Einstieg in den Familienbetrieb leider aus.

Der Wunsch nach einem Job oder einer Ausbildung ist groß. Noch erhält Julia Arbeitslosengeld. Irgendwann Hartz IV zu beziehen, ist für sie unvorstellbar. "Dann müsste ich mein Auto verkaufen und würde eventuell meine Wohnung verlieren. Meine Selbständigkeit geht mir aber über alles." Daher hofft sie, dass sich bald auch eine berufliche Tür öffnet.

Die Transplantation spielt in Julias Julia Fricke lächelt und sitzt im Garten. Leben weiterhin eine große Rolle. Dafür sorgt unter anderem die Mitarbeit im BDO. Sie betreut ehrenamtlich Patienten, spricht mit den Angehörigen und informiert auf öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Organspende. Dankbarkeit ist dabei ein entscheidendes Motiv.

"Ich weiß zwar nicht, wer der Spender war, noch nicht einmal, ob es eine Frau oder ein Mann war und wie ihr Leben verlaufen ist. Doch es geschieht häufig, dass ich vor dem Einschlafen in meinen Körper hineinhorche als wäre da noch jemand. Bis heute muss ich nach besonderen Erlebnissen an meinen Spender denken und verspüre das Bedürfnis, ihm oder ihr etwas mitzuteilen."