WEBVTT

00:00:03.058 --> 00:00:13.724
<v Hubert Knicker>Tu mir einen Gefallen: sprich mit deiner Freundin, sprich mit deinen Eltern, sprich mit eueren Freunden, was wirklich zu Lebzeiten passieren kann. Es kann ganz schnell ein Autounfall passieren, ein Motorradunfall.

00:00:13.574 --> 00:00:21.548
<v Hubert Knicker>Du bist im Schädel-Hirn-Trauma, bist nicht mehr ansprechbar, wirst nicht wach und die Angehörigen stehen dann da: "Ja, was war wohl der Wunsch zu Lebzeiten?"

00:00:30.309 --> 00:00:43.733
<v Sandra Wahle>In unserem Podcast haben wir dargestellt, wie eine Organspende abläuft, wie der unumkehrbare Hirnfunktionsausfall sicher festgestellt wird und wer für die verschiedenen Bereiche eine Organtransplantation zuständig ist.

00:00:44.335 --> 00:00:53.708
<v Sandra Wahle>Experten haben uns versichert, dass der gesamte Ablauf jetzt vor Manipulation geschützt ist und diejenigen, die Organe bekommen, die sie am dringendsten benötigen. 

00:00:54.424 --> 00:01:01.658
<v Sandra Wahle>Viele von ihnen warten jahrelang auf ein Spenderorgan, während sich ihre gesundheitliche Situation immer weiter verschlechtert. 

00:01:02.446 --> 00:01:09.308
<v Sandra Wahle>Denn nach wie vor stehen viel mehr Menschen auf der Warteliste der Vermittlungsorganisation Eurotransplant, als es Spender gibt. 

00:01:09.867 --> 00:01:20.154
<v Sandra Wahle>Im August 2021 warteten rund 8.700 Patientinnen und Patienten auf ein Spenderorgan. Die meisten davon auf eine Niere.

00:01:21.050 --> 00:01:34.462
<v Sandra Wahle 1>Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Podcasts "Organspende - verstehen und entscheiden" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Mein Name ist Sandra Wahle. Schön, dass Sie wieder dabei sind.

00:01:37.377 --> 00:01:44.611
<v Sandra Wahle>Das Auf und Ab von Hoffnung und Verzweiflung erlebte auch Hubert Knicker, der 15 Jahre lang auf ein Spenderherz wartete. 

00:01:45.014 --> 00:01:54.532
<v Sandra Wahle>Sein eigenes Herz war durch eine Herzmuskelentzündung stark geschwächt worden, als er gerade einmal 37 Jahre alt war. Guten Tag, Herr Knicker.

00:01:54.623 --> 00:01:55.698
<v Hubert Knicker>Schönen guten Tag, Frau Wahle.

00:01:55.813 --> 00:02:04.483
<v Sandra Wahle>Fangen wir doch mal bei Ihrer persönlichen Geschichte ganz vorne an. Was genau war der Auslöser dafür, dass Ihr Arzt irgendwann sagte: "Sie brauchen jetzt ein Spenderherz"?

00:02:04.574 --> 00:02:10.859
<v Hubert Knicker>Die genaue Ursache habe ich erst nach meiner Transplantation erfahren. Ich kann nur die Geschichte erzählen, wie es damals angefangen hat. 

00:02:10.937 --> 00:02:24.031
<v Hubert Knicker>Als Krankenpfleger hatte ich die letzte Nacht, das war im Dezember 1995, und meine Frau und ich, wir wollten in den Urlaub fahren und ich sollte von einem Patienten notfallmäßig Blut ins Labor bringen und musste dort eine Treppe besteigen und kam nicht mehr hoch. Ich 

00:02:24.253 --> 00:02:34.234
<v Hubert Knicker>war fertig wie so ein alter Asthmatiker, bin dann wieder schleppend zur Nachtwache hingegangen, habe ihr das alle erzählt. Sie hat da meine Vitalwerte gemessen, also Blutdruck, der war aber in Ordnung und sagte zu mir: "Pass mal auf, 

00:02:34.373 --> 00:02:38.945
<v Hubert Knicker>wenn's dir wieder besser geht, dann kommst du wieder auf Station. Leg dich mal jetzt erst ins Arztzimmer

00:02:39.234 --> 00:02:54.094
<v Hubert Knicker>nd dann sehen wir weiter." Aber ich fühlte mich zu schwach, um wieder auf Station zu gehen und habe mich dann morgens verabschiedet. Ich bin dann halt nach Hause gefahren, quietschfidel, natürlich mit der Atemnot. Meine Frau war auch Krankenschwester und die wusste natürlich dann gleich, was los war und 

00:02:54.299 --> 00:02:57.760
<v Hubert Knicker>hatte nicht locker gelassen und wir sind dann zum Hausarzt hingefahren. 

00:02:57.976 --> 00:03:08.131
<v Hubert Knicker>Und der Hausarzt sagte dann halt: "Sie sind kein Patient mehr für mich. Sie müssen zum Kardiologen." Ja und im Prinzip fing da die Hiobsbotschaft an. Dann stellte man fest, dass ich Wasser in die Lunge hatte 

00:03:07.963 --> 00:03:16.280
<v Hubert Knicker>und er sagte: "Das kann ich auch nicht mehr verantworten. Du musst jetzt ins Krankenhaus." Ich bin dann wieder in das Krankenhaus eingeliefert worden, wo ich letztendlich gearbeitet hatte und 

00:03:16.388 --> 00:03:25.473
<v Hubert Knicker>da stellte man dann die Diagnose fest - eine schwere Herzmuskelentzündung. Ich habe dann herzunterstützende Medikamente bekommen und nach ein paar Tagen ging es mir ganz gut.

00:03:25.702 --> 00:03:29.986
<v Hubert Knicker>Und ich war dann mehr oder weniger widerspenstig, weil ich dann zu meiner Frau gesagt habe: "Eigentlich 

00:03:30.059 --> 00:03:42.593
<v Hubert Knicker>geht's mir ganz gut, wir können wieder nach Hause" und dann unterzog sie mich einer Hirnwäsche und sagte: "Pass mal auf, die Ärzte haben mir folgendes gesagt. Du hast eine kurze Lebenserwartung. Ich soll froh sein, wenn ich dich hier wieder aus dem Krankenhaus rauskriege. Lebend. 

00:03:42.726 --> 00:03:49.852
<v Hubert Knicker>Auf lange Sicht kannst du dich mit einem Spenderherz anfreunden" und ich habe von da auch viele viele Jahre später immer gesagt: " Die 

00:03:50.027 --> 00:03:53.992
<v Hubert Knicker>Ärzte haben sich mit dem Befund vertan. So schlecht, wie die tun, 

00:03:53.849 --> 00:04:06.119
<v Hubert Knicker>geht es mir gar nicht und ein Spenderherz, das will ich überhaupt nicht haben.

00:03:53.849 --> 00:04:06.119
<v Hubert Knicker>" Ungefähr nach einem viertel Jahr bekam ich dann die Nachricht, dass es keine erbliche Geschichte war, Gott sei Dank, sondern wahrscheinlich zu 98 Prozent eine 

00:04:05.975 --> 00:04:13.342
<v Hubert Knicker>Virusinfektion, weil ich bin vor Jahren, bevor das eintrat, durch eine simple Stechfliege mal am Fuß gestochen worden war 

00:04:13.480 --> 00:04:21.941
<v Hubert Knicker>und musste wirklich vier Wochen, wie man das so schön umgangssprachlich sagt, krank feiern. Und wahrscheinlich sind das daher die Auswirkungen.

00:04:21.671 --> 00:04:35.437
<v Sandra Wahle>ehen wir noch mal einen Schritt zurück. Ihre Frau hatte Sie ja schon auf das Thema Spenderherz angesprochen. Aber es klingt so ein bisschen danach, als dass Sie das in dem Moment noch nicht so ganz gesehen haben. Wann haben Sie denn dann begriffen, dass es eventuell doch ein bisschen schlimmer um Sie steht?

00:04:35.377 --> 00:04:43.014
<v Hubert Knicker>Ich sage mal, bis zum Jahre 2003 war eigentlich die Welt mit 30 Prozent Herzleistung so für mich noch einigermaßen tragbar. 

00:04:43.454 --> 00:04:50.742
<v Hubert Knicker>Und ich hatte ja zu Hause, wir haben früher in Minden gewohnt, eine Rasenfläche zu mähen so von circa 1.800 Quadratmetern. Das 

00:04:50.887 --> 00:05:03.319
<v Hubert Knicker>hatte ich bis zu dem Zeitpunkt immer mit einem Handrasenmäher bewältigt, aber ich habe schon gemerkt, die Leistung lässt nach und dann habe ich mir ganz einfach so einen Aufsitzrasenmäher gekauft und da konnte ich schön im Sitzen den Rasen mähen. Die Welt war in Ordnung. Und dann 

00:05:03.193 --> 00:05:07.754
<v Hubert Knicker>bin ich eines Tages runtergefallen. Ich habe dann orientierungslos in den Himmel geguckt. Jetzt 

00:05:07.646 --> 00:05:20.048
<v Hubert Knicker>will ich nicht definieren "tot oder nicht tot," aber ich hatte so den Eindruck: "Warst du jetzt tot?" Und wahrscheinlich hat sich mein Herz wieder in den richtigen Rhythmus reingebracht. Ich wusste gar nicht, dass ich damals schon im Kammerflimmern war und ich konnte auch nicht aufstehen. Weil mir 

00:05:20.127 --> 00:05:31.327
<v Hubert Knicker>schwindelig wurde, habe ich mich dann in unsere Wohnung reingerobbt und meine Frau war dann, Gott sei Dank, zu hause, die dann den Hausarzt anrief, der dann auch kam. Und von da an habe ich mich eigentlich erst so richtig mit dem Thema befasst. So

00:05:31.382 --> 00:05:40.143
<v Hubert Knicker> richtig anfreunden mit einem Spenderorgan konnte ich mich eigentlich immer noch nicht, aber dann kam zumindest die Überlegung: "Na ja, vielleicht haben die Ärzte doch Recht, dass es dir nicht so gut geht."

00:05:40.215 --> 00:05:48.519
<v Sandra Wahle>ber irgendwann war das Thema ja dann doch da. Was hat denn dann letztendlich dazu geführt, dass Sie auf die Warteliste gekommen sind für ein Spenderherz?

00:05:48.249 --> 00:05:56.668
<v Hubert Knicker>Ja, das fing also im Prinzip 2008 an, das Ganze Szenario, wo es mir wirklich schlecht ging. Im Laufe der Zeit hatte sich meine 

00:05:56.590 --> 00:06:06.468
<v Hubert Knicker>Herzpumpleistung wirklich dramatisch verschlechtert. Ich hatte nur noch 15 Prozent. Ich werde das nie vergessen. Da, wo wir gewohnt hatten meine Frau und ich, ich musste 13 Stufen hoch. 

00:06:06.517 --> 00:06:12.736
<v Hubert Knicker>Die kam ich nicht mehr anstandslos hoch. Ich habe mich da hochgeschleppt, wie so ein alter Herr. Dann sind wir zum Hausarzt hingegangen 

00:06:12.616 --> 00:06:16.960
<v Hubert Knicker>und meine Frau und ich haben gesagt, "ich komme die Treppe nicht mehr hoch, ich schaffe das nicht mehr." 

00:06:16.816 --> 00:06:26.388
<v Hubert Knicker>Dann hat er seine Akten gewälzt und hat auch zu mir gesagt, "Herr Knicker, Sie haben zwar 15 Prozent Herzleistung, aber Sie sind noch kein Kandidat. Kann das sein, dass die Depressionen haben?" 

00:06:26.467 --> 00:06:41.177
<v Hubert Knicker>Das war für mich erstmal so ein Schlag ins Gesicht. Depressionen hatte ich nicht, weil wir unserem Sohn damals alles erklärt hatten, was mit Papa auch mal passieren kann. Ja und dann bin ich aber jedenfalls nach Hause gefahren und naja, ich will jetzt nicht ausholen. Das ist vielleicht ein anderes Thema, 

00:06:41.406 --> 00:06:48.292
<v Hubert Knicker>dass ich da meinen Tod geplant hatte. Ich lag dann eines Tages auf dem Sofa, weil ich gar nicht mehr nach unten gehen konnte und meine Frau kam dann nach Hause. 

00:06:48.430 --> 00:06:59.444
<v Hubert Knicker>Hatte dann zu mir gesagt: "Was ist mit dir los?" Und ich habe gesagt: "Du, die glauben sowieso ich habe nur Depressionen. Lass mich sterben. Ich kann nicht mehr." Und dann ist sie geistesgegenwärtig zu meinem Hausarzt und meine Frau hat zu ihm gesagt wörtlich: "Wenn Sie meinen

00:06:59.481 --> 00:07:09.311
<v Hubert Knicker> Mann nicht ins Herzzentrum einweisen, dann stirbt er mir hier weg" und die Folge war dann: ich bekam ein linksseitiges Unterstützungssystem, ein LVAD-System, ein sogenanntes Kunstherz.

00:07:09.714 --> 00:07:19.154
<v Hubert Knicker>Von da an fing schon die Wartezeit an, wo es richtig zur Sache ging, weil mit einem Unterstützungssystem, auch heute noch, kommt man bei Eurotransplant auf eine Warteliste, das nennt sich U für "urgent"

00:07:19.401 --> 00:07:26.900
<v Hubert Knicker>, also den Status dringlich. Es gibt ja hochdringlich auch noch. Ich durfte aber mit dem Status U nach Hause und 

00:07:26.954 --> 00:07:40.673
<v Hubert Knicker>dann fing die Wartezeit halt an für ein Spenderherz. Es ist natürlich dann ein Glücksfall, wenn man auf dem Status U ein Spenderorgan bekommt, aber das waren im Prinzip diese harten Jahre, wo es wirklich zur Sache ging. Es kann jederzeit passieren. 

00:07:40.541 --> 00:07:49.608
<v Hubert Knicker>Wobei auch damals hätte ich schon 37, 38, 39 Jahre ein Spenderherz haben können, aber mangels Masse an Spenderorgan werden 

00:07:49.500 --> 00:07:59.211
<v Hubert Knicker>natürlich dann heutzutage vorwiegend diese Unterstützungssysteme implantiert und mir ging es noch zu gut für ein Spenderorgan und deswegen zog sich das alles so lange in eine Länge halt.

00:07:59.343 --> 00:08:10.165
<v Sandra Wahle>Was haben Sie dann gemacht in dieser Wartezeit auf das Spenderorgan? Also Sie haben ja im Prinzip grad schon gesagt, dass es Ihnen eigentlich auch vorher schon schlecht ging, bevor Sie auf die Liste dann kam. Aber wie sah da dann Ihr Alltag aus?

00:08:10.382 --> 00:08:24.190
<v Hubert Knicker>Ich hatte mich von Anfang an von meiner Diagnose vielen Vereinen angeschlossen. Das war ein kleiner Ort, wir haben 3.500 Einwohner ungefähr gehabt. Ich habe damals noch einen Heimatverein gegründet, aber wo es dann zur Sache ging, wo ich mein Unterstützungssystem bekam 2008, 

00:08:24.263 --> 00:08:28.325
<v Hubert Knicker>habe ich trotzdem noch - ich lache heute da drüber und alle sagen 

00:08:28.337 --> 00:08:40.565
<v Hubert Knicker>"Du bist ein Idiot gewesen" -  Entschuldigung, wie ich das so sage, das ist aber wörtlich gewesen. Wir haben so ein altes Backhaus in in unserem Ort noch gehabt. Ich habe mit einen Bäcker dann morgens noch das Backhaus angefeuert und wir haben noch Brote gebacken mit meinem Unterstützungssystem. Also ich

00:08:40.547 --> 00:08:43.071
<v Hubert Knicker>war dann abgelenkt von der ganzen Symptomatik. 

00:08:43.173 --> 00:08:50.654
<v Hubert Knicker>Diese Sachen habe ich halt noch im Verein viel gemacht, weil das lag mir so am Herzen und das konnte ich auch noch und so habe ich die dann die Wartezeit überbrückt.

00:08:50.709 --> 00:08:55.948
<v Sandra Wahle>Wie hat sich das denn geäußert? Also Sie haben gesagt, dass es Ihnen nicht gut ging? Also wie genau hat sich das geäußert?

00:08:55.726 --> 00:09:02.666
<v Hubert Knicker>ekam keine Luft mehr. Nachts hatte ich dann eine sitzende Position so von neunzig Grad, weil ich nicht mehr flach liegen konnte. Das habe ich dann schon gemerkt. 

00:09:02.727 --> 00:09:06.019
<v Hubert Knicker>Es kommen gewisse Angstzustände, wenn man keine Luft kriegt 

00:09:05.876 --> 00:09:18.170
<v Hubert Knicker>und ich kann mir das ganz gut vorstellen, so ein Asthmatiker, wenn der nach Luft schnappt, wie's ihm geht, weil in so einer ähnlichen Situation war. Wenn man dann so richtig nach Luft zieht und das waren halt diese Probleme, die ich bei der ganzen Geschichte hatte. Wenn man 

00:09:18.194 --> 00:09:21.523
<v Hubert Knicker>dann nur noch 15 Prozent Herzleistung hat und kommt die Treppe nicht mehr hoch, 

00:09:21.571 --> 00:09:34.286
<v Hubert Knicker>das ist dann schon eine Hausnummer, weil ich bin eigentlich kein Kind von Traurigkeit. Ich habe mich auch immer nach unten geschleppt, aber wenn man wirklich dann die Stufen zählen muss, bevor man wieder oben ist, dann lässt man's gleich ganz sein und ich habe dann in der Zeit auch schon ein bisschen die Vereinsaktivitäten

00:09:34.299 --> 00:09:37.098
<v Hubert Knicker>ufgegeben, weil ich wirklich nicht mehr konnte, ne.

00:09:52.734 --> 00:10:02.889
<v Sandra Wahle>Wie war es für Ihre Frau und Ihren Sohn, das zu sehen, dass es Ihnen nicht gut geht und das einfach mitzubekommen, dass der Vater oder der Ehemann eine sehr schwere Zeit durchmacht?

00:10:06.231 --> 00:10:17.930
<v Hubert Knicker>Ja, meine Frau hat sich das nie so anmerken lassen. Wir haben nachher sehr oft da drüber gesprochen auch heutzutage noch über das Thema, das bleibt halt. Wir haben damals erstmal unserem Sohn versucht das zu erklären, dass Papa auch sterben kann, weil ich 

00:10:17.990 --> 00:10:25.069
<v Hubert Knicker>bin damals noch immer mit ihm zu Fußballspielen gegangen, zum Schwimmen, in eine Sauna rein, das konnte ich die ganzen Jahre noch. Nur wenn irgendwann die

00:10:25.280 --> 00:10:33.457
<v Hubert Knicker>Pumpleistung nachlässt, kannst du das nicht mehr und wir haben ihm dann erzählt, was mit mir passiert: "Papa kann auch mal irgendwann einen Spenderorgan kriegen, kann auch versterben."

00:10:33.632 --> 00:10:41.900
<v Hubert Knicker>ren der Meinung wir haben unserem Sohn alles erklärt. Jetzt war es halt so: in der Schule war ich auch mit dem Lehrer in einem Verein tätig. 

00:10:41.973 --> 00:10:55.084
<v Hubert Knicker>Der Lehrer kam eines Tages an zu mir und sagte: "Pass mal auf, was ist mit Florian?" So ist der Name unseres Sohnes. "Was ist mit dem los?" Ich sage: "Warum?" Ja, die schulischen Leistungen, die wir nicht bemerkt hatten, die lassen nach. Der 

00:10:54.946 --> 00:11:04.897
<v Hubert Knicker>Lehrer wusste also was mit mir war und der sagte dann zu mir: "Habt ihr mit Florian alles besprochen?" und wir waren der Meinung, wir haben mit ihm alles besprochen. Und wir haben uns ihn dann halt noch mal 

00:11:04.879 --> 00:11:15.701
<v Hubert Knicker>vorgenommen und haben ihm dann alles im Detail nochmal erklärt, weil er dann ja nun auch mittlerweile älter wurde und danach ließen auch seine schulischen Leistungen nicht mehr nach. Das war eine Steigerung. 

00:11:15.593 --> 00:11:17.161
<v Hubert Knicker>Aber das größte Problem, 

00:11:16.933 --> 00:11:34.888
<v Hubert Knicker>was ich so für mich sage, das war meine Frau. Meine Frau war noch vollschichtig arbeiten. Sie musste das Kind versorgen, Schularbeiten machen, musste Essen kochen. Sie musste, ich sage das bewusst, oder wollte, mich dann immer noch besuchen, mich nicht im Stich lassen. Meine Frau war immer jeden Tag da, auch wenn es nur eine Stunde oder zwei Stunden waren. 

00:11:34.744 --> 00:11:45.152
<v Hubert Knicker>Das war schon eine Belastung, weil das ist ja, ich sage das jetzt mal, vielleicht so ein bisschen unfair. Als Patient liegt man da nur. Entweder schafft man es oder man verstirbt. Eine andere Möglichkeit hast du nicht.

00:11:45.320 --> 00:11:54.604
<v Hubert Knicker>Du denkst dann aber "Chef, die Familie, die Rechnungen müssen bezahlt werden", man macht sich wahrscheinlich viel zu viel Gedanken. Aber irgendwie ist da eine Steuerung drinne. 

00:11:54.484 --> 00:12:07.668
<v Hubert Knicker>Es läuft und meine Frau hat das wirklich sehr gut gemeistert, wobei sie auch jetzt im Nachhinein irgendwann mal gesagt hat zu mir: "Du, wenn ich nach Hause kam, ich habe mitunter hier gesessen und habe geweint, weil ich nicht mehr konnte." Es hat ein bisschen mehr zusammengeschweißt das Ganze.

00:12:07.566 --> 00:12:21.993
<v Sandra Wahle>Nun kam ja glücklicherweise der Zeitpunkt, an dem feststand, es gibt ein Spenderherz für Sie. Wenn Sie sich mal zurückerinnern an den Moment, in dem Sie die Nachricht erhalten haben, wo waren Sie da und wie haben Sie sich dann gefühlt?

00:12:21.886 --> 00:12:32.591
<v Hubert Knicker>Das Schöne war, ich hatte Gott sei Dank mein zweijähriges Kunstherz mit, ich habe mein Gerät ja Rainer getauft. Rainer Körfer, das war damals der Professor. Darum hatte ich mein Gerät immer Rainer genannt und - 

00:12:31.812 --> 00:12:32.966
<v Sandra Wahle>unstherz, meinen Sie?

00:12:32.740 --> 00:12:33.591
<v Hubert Knicker>Kunstherz, genau. 

00:12:34.066 --> 00:12:43.512
<v Hubert Knicker>Und ich hatte zwei Jahre mein Kunstherz tragen dürfen. Das war für mich eine geschenkte Zeit, weil ich hatte eine ganz andere Lebensqualität. Unser Sohn war mittlerweile verheiratet, wir waren Spargel essen 

00:12:43.398 --> 00:12:54.034
<v Hubert Knicker>und währenddessen bekam ich an meinem Gerät einen Alarmton. Dazu wurde mir aber im Herzzentrum alles erklärt, wie ich mich verhalten musste und dann hatte ich mit der Koordinatorin telefoniert, was ich machen sollte. 

00:12:54.124 --> 00:13:01.893
<v Hubert Knicker>Letztendlich sagte sie zu mir, ich musst jetzt kommen und dann bin ich da hingefahren. Die Cardio-Techniker, die kamen dann, ich musste stationär erst bleiben. 

00:13:02.080 --> 00:13:09.333
<v Hubert Knicker>Und dann hieß es, ich habe einen mechanischen Defekt - die Pumpe, die stolperte. Die war nicht mehr ganz in Ordnung, um das mal vernünftig auszudrücken.

00:13:09.748 --> 00:13:19.674
<v Hubert Knicker>Das bedeutete damals, weil die Richtlinien sind ja laut Bundesärztekammer, die geben ja gewisse Richtlinien raus, wer transplantiert werden kann, wer auf die Hochdringlichkeitsliste 

00:13:19.543 --> 00:13:28.123
<v Hubert Knicker>kommt, die besagten, dass Leute, die einen mechanischen Defekt an ihrem Gerät haben, stationär bleiben. Die kommen also bei Eurotransplant auf HU, auf high urgent.

00:13:28.382 --> 00:13:36.313
<v Hubert Knicker>Das war also jetzt die Nummer, sage ich jetzt mal, auf high urgent, wo es richtig zur Sache geht. Also wo man jetzt wirklich dringend auf einen Spenderorgan wartet. 

00:13:36.470 --> 00:13:46.655
<v Hubert Knicker>Wir waren sieben Leute, wir durften uns im Herzzentrum frei bewegen, mussten aber mit Handy erreichbar sein. Wir durften auch nicht raus, gar nichts. Das war nochmal eine ganz komplizierte Zeit, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen. 

00:13:46.704 --> 00:13:51.486
<v Hubert Knicker>Wo vor mir, von diese sieben Wartepatienten, vier Leute verstorben sind, aus welchen Gründen auch immer - 

00:13:51.541 --> 00:13:59.605
<v Hubert Knicker>zwei haben die Transplantation nicht überstanden und zwei Leute sind gesundheitlich so weit abgesackt, dass sie also nicht mehr in den Genuss eines Spenderherzens kamen - 

00:13:59.689 --> 00:14:08.558
<v Hubert Knicker>das war ungefähr 78 Tage später. Mein Zimmernachbar, der hatte Geburtstag gehabt. Das war der 24. Juli und wir wollten dann zusammen abends essen 

00:14:08.679 --> 00:14:22.229
<v Hubert Knicker>und um 19 Uhr bekam ich dann den Anruf sofort auf Station zu kommen: "Für Sie ist ein Spenderherz da" und das war so ein Blackout, weil diese drei Sätze, die ich jetzt von mir gebe, die habe ich mir dann im Nachhinein von meiner Frau wiedergeben lassen, 

00:14:22.313 --> 00:14:36.050
<v Hubert Knicker>ich bin einfach aufgestanden aus der Sitzecke, bin in den Fahrstuhl gerannt und man hat wohl hinterher gerufen, "wo willst du hin?" Ich habe denen gar keine Nachricht mehr gegeben, weil ich dann auf Station war und meine Frau hat mich dann auf der Transplantationschirurgie dann wiedergesehen und ja, 

00:14:36.152 --> 00:14:39.649
<v Hubert Knicker>bin ich dann auch nachts erfolgreich transplantiert worden. Also das war so,

00:14:40.028 --> 00:14:49.155
<v Hubert Knicker>as habe ich im Prinzip gar nicht richtig wahrgenommen, dass für mich ein Spenderherz da war. Ich war wie so eine Maschine so ferngesteuert und bin dann auf Station. Und als ich dann vorbereitet wurde für dem Eingriff,

00:14:49.222 --> 00:14:54.792
<v Hubert Knicker>war mir dann halt klar, für mich ist jetzt so ein Spenderherz da. Das waren so richtig Glücksmomente, muss ich ganz ehrlich sagen.

00:15:06.372 --> 00:15:16.971
<v Sandra Wahle>Sie sprechen von einem Blackout. Ich versuche trotzdem noch mal nachzufragen, was hat denn in dieser Situation überwogen? War das die Freude über das Spenderorgan oder vielleicht doch auch die Angst vor der Transplantation?

00:15:16.936 --> 00:15:28.154
<v Hubert Knicker>Ja, die Angst vor der Transplantation hatte ich vorher, muss ich ganz ehrlich sagen. Also ich sage jetzt mal erst, wenn man so ferngesteuert war, da war die Freude nach der Devise: vor dir sind Leute verstorben und du kommst endlich in den Genuss, du hast also 

00:15:28.113 --> 00:15:35.329
<v Hubert Knicker>doch die Chance ein Spenderherz zu bekommen. Weil es war in dieser Wartezeit, wenn Leute vor dir versterben - man ist so eine kleine Familie. Das 

00:15:35.107 --> 00:15:49.156
<v Hubert Knicker>sag ich auch ganz ehrlich, also das war der Zeitpunkt, wo ich auch am Boden war. Ich brauchte zwar keine psychologische Unterstützung, aber ich habe viel geweint. Ich habe mir Kopfhörer aufgesetzt, sämtliche Musikrichtungen, die ich mir normalerweise gar nicht anhöre, angehört, um abzuschalten von der Angst. 

00:15:49.198 --> 00:16:00.195
<v Hubert Knicker>Weil man denkt: "Komme ich auch in den Genuss oder werde ich jetzt auch versterben?" Und darum: wir haben den Geburtstag versucht zu feiern in Anführungsstrichen und wenn du dann den Anruf kriegst - das ist wie wie so eine Fernsteuerung. Ich habe 

00:16:00.261 --> 00:16:01.721
<v Hubert Knicker>mich da irgendwie gefreut oder 

00:16:01.613 --> 00:16:16.203
<v Hubert Knicker>"irgendwie" ist jetzt falsch ausgedrückt, aber man freut sich. Man freut sich. In dem Moment kann man das gar nicht realisieren. Ist es Freude oder ist es Angst? Darum bezeichne ich das mal so als Blackout. Das war eine gute Geschichte, wo ich mich wirklich drüber gefreut habe, dass da ein Anruf kam, dass ich das also noch erlebe: 

00:16:16.269 --> 00:16:18.023
<v Hubert Knicker>für dich ist noch ein Organ da.

00:16:18.342 --> 00:16:27.127
<v Sandra Wahle>Also um das nochmal zusammenzufassen: Sie haben also da Geburtstag gefeiert, haben dann einen Anruf bekommen, sind aufgestanden, in den Aufzug gegangen und was ist dann passiert?

00:16:26.929 --> 00:16:28.918
<v Hubert Knicker>Dann bin ich auf Station 

00:16:28.714 --> 00:16:40.287
<v Hubert Knicker>und die Schwestern, die haben mich dann vorbereitet, wie das halt so ist wie in der Operation. Der Koordinator kam dann zu mir und sagt: "Wenn alles gut läuft, dann kommst du um zwei Uhr auf den Tisch." Also das ist so ein 

00:16:40.312 --> 00:16:52.299
<v Hubert Knicker>Vokabular, aber ich wusste schon, was er damit meinte: also dann wirst du in den OP reingeschoben. Ich war wohl die Ruhe selbst. Ich weiß gar nicht, ob ich Medikamente bekommen habe vorher zur Ruhigstellung. Ich hatte ja vorher Angst vor diesem großen Eingriff. 

00:16:52.336 --> 00:17:06.865
<v Hubert Knicker>Ich habe da wirklich relaxt gelegen und ich habe immer auf die Uhr geschaut. Elf Uhr, zwölf Uhr. Und dann wird man irgendwann nervös und dann kommt der Narkosearzt um zwei Uhr und sagt: "So, Herr Knicker, es geht los, wir setzen Ihnen eine Maske auf." Und ich weiß noch, dass ich dem gesagt habe: "Hoffentlich sehen wir uns wieder."

00:17:06.974 --> 00:17:13.800
<v Hubert Knicker>a hat er noch gesagt: "Auf jeden Fall." Und dieses "auf jeden Fall" waren so für mich Minuten, weil ich dann wach geworden bin. 

00:17:13.848 --> 00:17:23.589
<v Hubert Knicker>Ich habe das ja erst gar nicht registriert, dass ich überhaupt ein Spenderherz bekommen habe. Letztendlich habe ich mir sagen lassen, die ganze Operation, also mit der Transplantation, die hat über elf Stunden gedauert. 

00:17:23.523 --> 00:17:27.026
<v Hubert Knicker>Und dann wirst du wach, dann ist eine Geräuschkulisse da. 

00:17:27.014 --> 00:17:36.490
<v Hubert Knicker>Ich war dann nur noch ein wenig sediert. Also die Narkose, die ging allmählich schon raus aus meinem Körper. Ich bekam viele Sachen mit. Ich hatte da den Tubus für die Beatmung noch im Hals und 

00:17:36.562 --> 00:17:37.578
<v Hubert Knicker>ich sah da halt 

00:17:37.434 --> 00:17:48.328
<v Hubert Knicker>viele viele Leute. Ich wusste jetzt nicht, dass ich auf Intensiv lag, weil das konnte ich nicht alles realisieren. Da habe ich nur gedacht: "Du warst doch eben noch alleine. Und jetzt bist du mit so vielen Mann hier." Dann war alles am Piepen. Da habe ich auch erst gedacht: 

00:17:48.316 --> 00:17:55.334
<v Hubert Knicker>"Warst du jetzt tot? Warum liegst du hier jetzt?" Weil durch diese Schmerzmittel hatte ich jetzt noch kein Gefühl, dass ich ein Spenderherz hatte. 

00:17:55.251 --> 00:18:08.608
<v Hubert Knicker>Abends ist dann mein Tubus, also der Beatmungsschlauch, rausgekommen und ich habe dann die Schwestern so ein bisschen nervös gemacht, weil ich immer gesagt habe: "Wann bekomme ich denn ein Spenderherz?" Und die haben wohl immer gesagt: "Herr Knicker, Sie haben das schon." Ich habe das nicht geglaubt. 

00:18:08.597 --> 00:18:11.258
<v Hubert Knicker>Es ist nicht die Regel, was ich jetzt sage.

00:18:11.415 --> 00:18:19.611
<v Hubert Knicker>Dann hatte der Oberarzt wohl zu der Schwester gesagt: "Jetzt rufen Sie mal endlich die Frau von dem Herrn Knicker an, damit der jetzt endlich mal versteht, dass er ein Spenderherz hat." 

00:18:19.768 --> 00:18:29.820
<v Hubert Knicker>In der Zeit, wo man ein Herz-Unterstützungssystem hat, ist man pulslos, weil dieses Unterstützungssystem den Blutdruck mehr oder weniger an die Seite drückt und darum kann man seinen Puls nicht fühlen.

00:18:29.989 --> 00:18:39.567
<v Hubert Knicker>am meine Frau an, voll steril verkleidet. Das ist nicht üblich an dem gleichen Tag. Und sie legte dann meine Hand auf meinem Brustkorb ab. Und da habe ich dann gespürt: da 

00:18:39.471 --> 00:18:46.646
<v Hubert Knicker>schlägt ja was. Und das waren so für mich Glücksmomente. In dem Moment habe ich gedacht: "Klasse, du hast endlich ein Spenderherz. Du hast es doch geschafft." 

00:18:46.556 --> 00:19:00.947
<v Hubert Knicker>Da war ich so unwahrscheinlich glücklich drüber und dankbar, dass ich's geschafft habe. Das habe ich erst richtig realisiert, als ich meinen Puls fühlte. Dann geht man natürlich mit seinem Finger an den Hals und versucht da rauszufinden, wo es tuckert. Und das waren so Glücksmomente, wo ich gedacht habe: 

00:19:01.110 --> 00:19:04.511
<v Hubert Knicker>"Gott sei Dank. Jetzt ist mir ein Stein vom Herz gefallen."

00:19:04.734 --> 00:19:13.669
<v Sandra Wahle>Ja, wir freuen uns total mit Ihnen, dass das geklappt hat. Wie kann man sich denn die Zeit dann nach der Transplantation vorstellen? Also wie lange waren Sie dann im Krankenhaus und was ist da noch passiert?

00:19:13.795 --> 00:19:24.401
<v Hubert Knicker>Also wenn man jetzt den den Ärzten Glauben schenken darf, dann ist so eine Herztransplantation ja im Prinzip "Peanuts", wie die alle sagen. Andere Transplantationen sind risikoreicher. 

00:19:24.551 --> 00:19:28.127
<v Hubert Knicker>Jedenfalls habe ich das auch alles gut hinbekommen nach der ganzen Geschichte. 

00:19:28.199 --> 00:19:39.423
<v Hubert Knicker>Ich bekam noch kleine Komplikationen: ich bekam also einen Pleuraerguss, also Wasseransammlung in der Lunge, und das wurde mehrmals punktiert. Dann hatte sich das alles so ein bisschen verklumpt, das wurde raus operiert. Also ich wurde 

00:19:39.328 --> 00:19:48.455
<v Hubert Knicker>im Prinzip noch während der ganzen Zeit zweimal an der Lunge operiert und darum zögerte sich das alles so ein bisschen in die Länge und bin erst im September entlassen worden. 

00:19:48.630 --> 00:19:53.923
<v Hubert Knicker>Ja das sind dann immer so tiefe Einschnitte, wenn man sagt: "Ho, klasse, ich habe mein Spenderorgan" und das sind dann erst wieder 

00:19:53.990 --> 00:20:01.068
<v Hubert Knicker>Einschnitte, wo man dann denkt: "Jetzt wirst du noch mal operiert. Hoffentlich hält das Herz das aus und und und." Das sind dann die Sorgen, die man hat. Durch die ganze Geschichte ist m

00:20:01.315 --> 00:20:13.976
<v Hubert Knicker>an natürlich auch ein bisschen eingeschränkt und man hat auch Angst, ne? Man hat ja sonst immer, wo man das Kunstherz hatte, dieses Unterstützungssystem, man hatte ja einen Begleiter. Dann denkt man: "Es kann nichts passieren." Aber wenn man dann so ohne Kabel ist, ohne so eine Maschine, wie ich sie hatte, 

00:20:14.042 --> 00:20:23.470
<v Hubert Knicker>dann ist man erst ängstlich. Dann denkt man: "Hoffentlich geht das alles gut. Hoffentlich passiert dem Herzen nichts, wenn ich jetzt zu viel rumlaufe. Darf ich viel heben?" Das sind dann so Sorgen, die man erst hat. 

00:20:23.332 --> 00:20:30.014
<v Hubert Knicker>Klar, viele Leute sagen: "Jetzt muss ich aber viel Tabletten schlucken." Ich bin froh, dass man hier in Deutschland Tabletten bekommt.

00:20:30.327 --> 00:20:38.421
<v Hubert Knicker>Und ein Risiko hat jedes Medikament. Ich bin über die ganzen Nebenwirkungen aufgeklärt worden und das weiß ich auch. 

00:20:38.283 --> 00:20:49.117
<v Hubert Knicker>Wenn ich jetzt sage: "Das interessiert mich nicht" - das ist jetzt platt ausgedrückt, denn die interessieren mich schon. Aber ich setze mich da nicht hin und frage mich, ob ich jetzt Krebs kriege oder nicht. Ohne Medikamente würde es wahrscheinlich viel schlimmer aussehen, 

00:20:49.123 --> 00:20:58.845
<v Hubert Knicker>und wenn ich immer regelmäßig zu ärztlichen Untersuchungen gehe und halte mich an so ein paar Spielregeln was Essen anbelangt, dann habe ich schon einen Beitrag für meinen Spender geleistet.

00:20:58.894 --> 00:21:00.546
<v Sandra Wahle>Wie geht es Ihnen denn heute?

00:21:00.258 --> 00:21:04.211
<v Hubert Knicker>Super. Kurz und bündig, super. Eine andere Antwort kann ich Ihnen da nicht drauf geben.

00:21:03.911 --> 00:21:12.762
<v Sandra Wahle>Das war die bestmögliche Antwort, würde ich sagen. Jetzt haben Sie das Organ ja schon ein paar Jahre. Wie fühlt sich das für Sie an, ein fremdes Organ in sich zu tragen?

00:21:12.625 --> 00:21:22.443
<v Hubert Knicker>Ja, die Frage wird oft gestellt. Man macht sich ja Gedanken, wer war dein Spender und schreibst du jetzt einen Brief? Ich merke nur in der Form, das alte Leben, was ich hatte, das habe ich nicht mehr. Ich 

00:21:22.486 --> 00:21:35.849
<v Hubert Knicker>habe ein neues Leben, aber es ist klasse. Man hat wieder viele Möglichkeiten, die man früher in den ganzen Jahren gar nicht mehr konnte. Zum Beispiel was Heben anbelangt, was Gehen anbelangt und und und. Ich fahre auch wieder Fahrrad. Also das ist ein 

00:21:35.736 --> 00:21:44.749
<v Hubert Knicker>anderes, aber ein schönes Leben. Muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen. Und dass jetzt in meinem Körper was anderes schlägt, das kann ich nicht sagen. Nein, es ist eine gute Geschichte.

00:21:44.966 --> 00:21:54.808
<v Sandra Wahle>Und wie gehen Sie damit um, dass Sie nicht wissen, wer ihr Spender oder Ihre Spenderin war? Hatten Sie das Bedürfnis, den Angehörigen Ihres Spenders zu danken?

00:21:54.910 --> 00:22:08.581
<v Hubert Knicker>Ja, das war ja damals so, weil ich noch unerfahren war mit der ganzen Organspende: wie geht das von statten? Und im Laufe der Jahre, wenn man sich mit Ärzten unterhält und Informationen holt, dann weiß man, wie das jetzt läuft. Es gab ja damals die Möglichkeit, die gibt es heute hier auch wieder, 

00:22:08.629 --> 00:22:13.063
<v Hubert Knicker>man kann einen anonymen Brief verfassen. Das hatten meine Frau und ich vor. 

00:22:12.962 --> 00:22:19.535
<v Hubert Knicker>Erst war es ja so, ich wollte meine Spenderfamilie kennenlernen, aber da kam dann ein No-Go. Das geht nicht, aus welchen Gründen auch immer. 

00:22:19.470 --> 00:22:29.444
<v Hubert Knicker>Und dann haben wir uns mal beisammengesetzt: "Schreiben wir jetzt einen Brief? Ja, einen Brief schreiben wir. Was schreiben wir da rein? So anonym? Soll ich jetzt sagen, ja, vielen Dank. Ich bin transplantiert worden. Mir geht's gut. 

00:22:29.342 --> 00:22:42.352
<v Hubert Knicker>Weiß ich nicht." Wir haben uns davon getrennt. Wir haben bei uns im Garten so einen so einen kleinen Schutzengel, so ungefähr sechzig Zentimeter hoch. Ich bin jetzt auch nicht jemand, der hier über den Balkon guckt und betet jeden Tag an Gott und sage: "Gott sei Dank." 

00:22:42.394 --> 00:22:51.521
<v Hubert Knicker>Der Schutzengel, das ist so mein persönlicher Begleiter für meinen Spender und ich gebe meinen Dank halt weiter, indem ich über Organspende informiere.

00:22:51.696 --> 00:23:00.373
<v Hubert Knicker>Aber dass ich mir jetzt weiter Gedanken mache, wie war er? Weiß ich nicht. Ich habe mir so ein Bild gemacht, weil die Frage wird oft gestellt: "Weißt du, was das für einer war?" 

00:23:00.229 --> 00:23:10.606
<v Hubert Knicker>Das ist vielleicht völlig idiotisch, aber man muss sich ja so ein Bild von seinem Spender machen und ich gehe da nach meinen Kriterien. Früher bin ich immer abgegangen wie so eine Rakete, wo ich mich über jede Kleinigkeit aufgeregt habe. 

00:23:10.775 --> 00:23:14.302
<v Hubert Knicker>Heute bin ich ein bisschen relaxter. Man kann mich zwar auch noch aufregen, 

00:23:14.374 --> 00:23:23.207
<v Hubert Knicker>aber nicht mehr so. Ich stelle mir meinen Spender so vor: das war so ein alter Harley-Fahrer, der so ganz gemütlich eine Pfeife im Mund hat und fährt so ganz gemütlich über die Dörfer. So relaxt 

00:23:23.304 --> 00:23:37.863
<v Hubert Knicker>war mein Spender. Und ich habe auch so einen kleinen Schutzengel in der Tasche, wo ich immer sage, den muss ich immer mitnehmen. So ein Schutzengel, das ist mein Spender. Und man denkt jeden Tag daran. Wenn man in Urlaub fährt, dann freut man sich und sagt: "Mensch, klasse, dass ich ein Spenderherz habe." Man denkt da jetzt dran. 

00:23:38.020 --> 00:23:45.603
<v Hubert Knicker>Das sind festgebrannte Sachen, die vergisst man nicht und das ist jetzt mein Dank, dass ich durch diese Organspende Information weitergebe. 

00:23:45.682 --> 00:23:50.200
<v Hubert Knicker>Und wenn es wirklich eine Tatsache ist, dass man in den Himmel kommt, dann kann derjenige, der mir 

00:23:50.237 --> 00:24:01.269
<v Hubert Knicker>ein Spenderherz zur Verfügung gestellt hat schon zu meinen Lebzeiten sehen, dass ich meinen Dank halt weitergebe. Mehr kann ich nicht machen. Also mit dem Brief habe ich mich jetzt auseinandergesetzt, den werde ich nicht mehr schreiben.

00:24:01.107 --> 00:24:12.806
<v Sandra Wahle>Ist auf jeden Fall ein originelles Bild, das sie da von ihrem Spender oder ihrer Spenderin gezeichnet haben. Sie als Organempfänger, mich würde noch interessieren, ist das für Sie nachvollziehbar, wenn Menschen sich gegen eine Organspende entscheiden?

00:24:12.717 --> 00:24:22.367
<v Hubert Knicker>Auf jeden Fall. Ich informiere auch nicht die Leute dazu und sage: "Pass auf, du musst unbedingt einen Organspendeausweis ausfüllen." In keinster Weise. Das ist eine freiwillige Entscheidung. Das sollte auch immer freiwillig bleiben. 

00:24:22.121 --> 00:24:34.451
<v Hubert Knicker>Nur ich stelle immer die Gegenfrage, so wie es ja bei mir auch war. Ich war ja gegen Organspende. Das hat aber nichts mit dem Christentum zu tun, sondern wahrscheinlich nur mit der Angst vor dieser großen Transplantation oder Operation. Ich stelle jetzt halt nur die Frage dann immer.

00:24:34.553 --> 00:24:40.887
<v Hubert Knicker>as ist in Ordnung, also deine Meinung. Nur was würdest du machen, wenn du mal vor einer Materie stehst: entweder Sterben 

00:24:40.923 --> 00:24:46.385
<v Hubert Knicker>oder ein Spenderorgan?" Und meistens bekomme ich dann immer die Antwort bei Jüngeren: "Ach das hat ja noch Zeit." 

00:24:46.223 --> 00:24:54.864
<v Hubert Knicker>Das war bei mir auch so. Das hat noch Zeit. Ich denke mir, es ist nichts Verwerfliches, wenn sich jemand Gedanken darüber macht. Auch wenn er auch seinen Organspenderausweis 

00:24:54.756 --> 00:25:01.468
<v Hubert Knicker>ein Nein ankreuzt. Aber ich gebe da immer die Botschaft weiter: "Tu mir einen Gefallen, sprich mit deiner Freundin, sprich mit deinen Eltern, 

00:25:01.498 --> 00:25:10.505
<v Hubert Knicker>sprecht mit eurem Freund, was wirklich zu Lebzeiten passieren kann. Es kann schnell ein Autounfall passieren, ein Motorradunfall. Du bist im Schädel-Hirn-Trauma. 

00:25:10.476 --> 00:25:14.628
<v Hubert Knicker>Nicht mehr ansprechbar, wirst nicht wach und die Angehörigen stehen dann da. - Ja, was 

00:25:14.532 --> 00:25:25.564
<v Hubert Knicker>war wohl der Wunsch zu Lebzeiten?" Es ist eine schwierige Entscheidung, sage ich jetzt mal. Und das ist ja auch dann keine Holterdiepolter Aktion, dass man sich innerhalb einer kurzen Zeit mit der Organspende auseinandersetzen soll. Wenn 

00:25:25.570 --> 00:25:31.789
<v Hubert Knicker>was ist, man hat ja noch Zeit genug, auch wenn der Hirntod eintritt. Aber ich denke mir, man sollte sich Gedanken machen 

00:25:31.748 --> 00:25:39.157
<v Hubert Knicker>habe also wirklich nichts dagegen, wenn einer sagt: "Das will ich nicht." Aber man muss dann schon vernünftige Argumente haben und nicht einfach sagen: "Will ich nicht." Ich möchte gerne 

00:25:39.091 --> 00:25:45.027
<v Hubert Knicker>wissen, warum willst du das jetzt nicht? Und es ist nicht Verwerfliches, wenn jemand einen Organspendeausweis bei sich hat

00:25:45.046 --> 00:25:53.212
<v Hubert Knicker>nd trägt den bei sich in der Tasche, weil dann ist es auch für die Ärzte viel einfacher Gespräche mit Angehörigen zu führen, wenn da schon ein Organspendeausweis vorliegt.

00:25:53.206 --> 00:26:02.333
<v Sandra Wahle>Herr Knicker, vielen vielen Dank für das Gespräch, für Ihre offenen und vor allem emotionalen Worte und ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund bleiben. Herzlichen Dank.

00:26:02.046 --> 00:26:04.190
<v Hubert Knicker>Ja, ich bedanke mich auch dafür. Vielen Dank.

00:26:13.769 --> 00:26:26.628
<v Sandra Wahle>Mit dem sehr persönlichen Bericht unseres heutigen Gesprächsgastes haben wir einen guten Eindruck davon bekommen, wie belastend die lange Wartezeit auf ein Spenderorgan für die Wartenden und ihr Umfeld sein kann.

00:26:26.701 --> 00:26:32.727
<v Sandra Wahle>Aber auch, was das Geschenk eines neuen Lebens durch ein Spenderorgan für sie bedeutet. 

00:26:33.160 --> 00:26:37.529
<v Sandra Wahle>In den Shownotes dieser Folge finden sie dazu weitere Informationen. 

00:26:38.490 --> 00:26:49.451
<v Sandra Wahle>In der kommenden Folge unseres Podcasts werden wir die Perspektive einer Angehörigen hören, die unvorbereitet eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende treffen musste. 

00:26:49.763 --> 00:26:52.587
<v Sandra Wahle>Wir freuen uns, wenn Sie dann wieder dabei sind.

