WEBVTT

00:00:03.281 --> 00:00:12.306
<v Stefanie Förderreuther>Wenn wir einem Patienten, der so schwer krank ist, versorgen, dann suchen wir nicht als allererstes im Geldbeutel nach dem Organspendeausweis. Sondern wir tun natürlich 

00:00:12.330 --> 00:00:19.144
<v Stefanie Förderreuther>alles für den Patienten, weil wir unsere Patienten nicht verlieren wollen. Das ist ja immer für uns Ärzte eine Niederlage, wenn wir einen Patienten verlieren.

00:00:28.296 --> 00:00:36.594
<v Sandra Wahle>Auf den Intensivstationen sind Transplantationsbeauftragte dafür verantwortlich mögliche Organspenderinnen und Organspender zu erkennen - das

00:00:36.781 --> 00:00:46.750
<v Sandra Wahle> sind Menschen mit schweren Hirnschädigungen. Dieses Thema und die Funktion eines Entnahmekrankenhauses haben wir in der letzten Folge unseres Podcasts beleuchtet. 

00:00:47.183 --> 00:00:54.177
<v Sandra Wahle>Dabei haben wir auch erfahren, dass das Thema Organspende bereits wichtig wird, bevor der Hirntod festgestellt wird. 

00:00:54.676 --> 00:01:08.226
<v Sandra Wahle>Damit herzlich willkommen zu dieser neuen Folge des Podcasts "Organspende - verstehen und entscheiden" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Mein Name ist Sandra Wahle und ich freue mich, dass Sie wieder zuhören. 

00:01:08.978 --> 00:01:21.332
<v Sandra Wahle>Heute beschäftigen wir uns damit, was eigentlich dieser irreversible Hirnfunktionsausfall ist, der allgemein als Hirntod bezeichnet wird und eine Voraussetzung für eine Organspende ist. Wie

00:01:21.897 --> 00:01:30.922
<v Sandra Wahle>nehmen genauer unter die Lupe, wie und von wem ein Hirntod festgestellt wird und welche Anforderungen dabei die Diagnostik erfüllen muss.

00:01:33.801 --> 00:01:44.864
<v Sandra Wahle>Unser Gast dafür ist Dr. Stefanie Förderreuther, Oberärztin der neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Guten Tag, Frau Dr. Förderreuther.

00:01:44.924 --> 00:01:46.300
<v Stefanie Förderreuther>Grüß Gott aus München.

00:01:46.288 --> 00:01:51.498
<v Sandra Wahle 3>Was genau ist denn eigentlich ein irreversibler Ausfall der Gesamtfunktion des Gehirns?

00:01:51.985 --> 00:02:00.535
<v Stefanie Förderreuther>Unser Gehirn ist ja ein ganz wichtiges Organ. Es ist letztendlich das übergeordnete Organ unseres gesamten Nervensystems und steuert alles. 

00:02:01.113 --> 00:02:09.513
<v Stefanie Förderreuther>Das Gehirn als Organ kann in seiner Funktion gänzlich erlöschen. Das heißt, dass sowohl die Funktionen vom Großhirn, vom

00:02:09.814 --> 00:02:18.364
<v Stefanie Förderreuther>Kleinhirn, vom Hirnstamm tatsächlich ausfallen. Das heißt, dass tatsächlich so etwas wie Denken, 

00:02:18.244 --> 00:02:30.899
<v Stefanie Förderreuther>Fühlen, Entscheiden nicht mehr möglich ist. Das heißt, dass gezielte Bewegungen nicht mehr durchgeführt werden können. Das heißt, dass die basale Regulation des Organismus, wie 

00:02:30.773 --> 00:02:40.135
<v Stefanie Förderreuther>dass man atmet, dass all das nicht mehr möglich ist. Die gesamte Funktion von diesem Teil des zentralen Nervensystems fällt aus. Dauerhaft.

00:02:40.244 --> 00:02:43.512
<v Sandra Wahle>Kann diese Untersuchung denn jeder Arzt oder jede Ärztin machen?

00:02:43.927 --> 00:02:53.205
<v Stefanie Förderreuther>tersuchung darf und kann nicht jeder Arzt machen. Da gibt's ganz klare Regeln in Deutschland, wie dieser irreversible Hirnfunktionsausfall festzustellen ist. Und

00:02:53.548 --> 00:03:01.611
<v Stefanie Förderreuther>es kann deswegen nicht jeder Arzt machen, weil so ein Patient nicht wie ein Leichnam imponiert. Normal ist die Todesfeststellung ja 

00:03:01.492 --> 00:03:13.053
<v Stefanie Förderreuther>Aufgabe eines jeden Arztes. Die Besonderheit vom irreversiblen Hirnfunktionsausfall ist, dass sich dieser Zustand unter einer Intensivtherapie entwickelt. Das heißt, die Patienten werden noch 

00:03:12.987 --> 00:03:22.691
<v Stefanie Förderreuther>künstlich beatmet, auch das Herz schlägt noch. Und deswegen sind besondere Erfahrungen in der Intensivmedizin gefordert. Das heißt,

00:03:22.938 --> 00:03:34.950
<v Stefanie Förderreuther>t ganz klar gefordert, dass mindestens zwei Untersucher unabhängig voneinander untersuchen müssen und ihre Feststellungen treffen müssen. Und diese Untersucher müssen zum einen Facharzt sein 

00:03:34.890 --> 00:03:44.744
<v Stefanie Förderreuther>und sie müssen eine mehrjährige Intensiverfahrung aufweisen in der Behandlung von Patienten mit so schweren Hirnschädigungen. Hinzu kommt, da es 

00:03:44.895 --> 00:03:57.243
<v Stefanie Förderreuther>sich hier auch um eine neurologische Frage handelt, dass einer der beiden Ärzte spezielle neurologische Expertise aufweisen muss. Das heißt, einer der Ärzte muss entweder ein Neurologe 

00:03:57.202 --> 00:04:05.265
<v Stefanie Förderreuther>oder ein Neurochirurg sein. Das sind die Ärzte, die sich da besonders gut mit auskennen. Und dann gibt's noch die Besonderheit -

00:04:05.272 --> 00:04:09.201
<v Stefanie Förderreuther>Gott sei Dank selten, aber es kann natürlich auch mal sein - dass ein Kind betroffen ist 

00:04:09.346 --> 00:04:18.167
<v Stefanie Förderreuther>von so einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall und da manche Dinge bei Kindern jetzt im Stoffwechsel etwas anders funktionieren, als bei Erwachsenen, ist auch

00:04:18.059 --> 00:04:28.797
<v Stefanie Förderreuther>bei Kindern bis zur Erfüllung des vierzehnten Lebensjahres tatsächlich gefordert, dass auch ein Pädiater, also ein Kinder- und Jugendmediziner, dabei ist, der 

00:04:28.737 --> 00:04:35.173
<v Stefanie Förderreuther>eben die Untersuchung durchführt. Das heißt, es ist intensivmedizinische Erfahrung, bei Bedarf pädiatrische und 

00:04:35.047 --> 00:04:40.046
<v Stefanie Förderreuther>immer neurologische Erfahrung bei den Untersuchungen von Ärzten gefordert.

00:04:40.455 --> 00:04:48.230
<v Sandra Wahle>Wann kommt denn der Zeitpunkt, an dem man daran denkt, dass bei einem Patienten oder einer Patientin der sogenannte Hirntod eintreten könnte?

00:04:48.501 --> 00:04:53.981
<v Stefanie Förderreuther>nd ausnahmslos Patienten, die eine sehr sehr schwere Hirnschädigung davongetragen haben. 

00:04:54.102 --> 00:05:03.307
<v Stefanie Förderreuther>Also sei es zum Beispiel im Rahmen von einem schweren Hirntrauma. Oder Patienten, die eine große raumfordernde Hirnblutung erlitten haben oder 

00:05:03.386 --> 00:05:14.616
<v Stefanie Förderreuther>zum Beispiel Menschen, die nach Versuchen der Wiederbelebung zwar wieder ein Herzschlag zurückerhalten haben, aber bei denen die Hirnfunktionen eine schwere Schädigung davongetragen haben.

00:05:15.242 --> 00:05:20.096
<v Stefanie Förderreuther>Wenn ein Patient mit so schweren Hirnschädigungen auf der Intensivstation behandelt wird, dann

00:05:20.506 --> 00:05:27.536
<v Stefanie Förderreuther>untersuchen die Ärzte natürlich auch immer die basalen neurologischen Funktionen, die man auch bei einem Patienten, 

00:05:27.392 --> 00:05:37.120
<v Stefanie Förderreuther>der nicht bei Bewusstsein ist, untersuchen kann. Es sind bestimmte Reflexe, die vom Gehirn ausgehen. Vegetative Reaktionen, wie die Kontrolle der Atmung. 

00:05:37.493 --> 00:05:46.248
<v Stefanie Förderreuther>Alles das wird kontrolliert. Wenn nun ein Patient eine zunehmende Verschlechterung dieser neurologischen Funktionen aufweist

00:05:46.597 --> 00:05:59.348
<v Stefanie Förderreuther>oder aber auch die bildgebenden Untersuchungen mit der Computertomografie oder der Kernspintomographie uns zeigen, dass das Gehirn so schwer geschädigt ist, dass da ein großer Hirndruck entstanden ist, dann

00:05:59.721 --> 00:06:04.341
<v Stefanie Förderreuther>ist zu befürchten, dass so etwas eintreten könnte. Dem

00:06:04.636 --> 00:06:17.741
<v Stefanie Förderreuther>versucht man sich natürlich immer zu widersetzen. Das heißt, die Ärzte behandeln entsprechend, aber leider sind nicht immer alle Behandlungsbemühungen von Erfolg gekürt und manchmal können wir einen sehr stark erhöhten Hirndruck eb

00:06:18.024 --> 00:06:23.120
<v Stefanie Förderreuther>en nicht suffizient senken und dann stirbt das Gehirn letztendlich ab.

00:06:23.463 --> 00:06:27.789
<v Sandra Wahle>Wie diagnostizieren Sie dann, ob die Hirnfunktionen ausgefallen sind?

00:06:28.348 --> 00:06:36.832
<v Stefanie Förderreuther>Nun ja, zunächst muss man sich natürlich ein klares Bild von der Krankengeschichte des Patienten machen und das heißt, man braucht eine klare Diagnose und man muss über

00:06:36.700 --> 00:06:46.501
<v Stefanie Förderreuther>prüfen, inwieweit der Patient auf der Intensivstation auch irgendwelche Medikamente bekommt, die möglicherweise den neurologischen Untersuchungsbefund in irgendeiner Form beeinflussen. Der

00:06:46.766 --> 00:06:52.798
<v Stefanie Förderreuther>Patient muss klar beurteilbar sein. Da dürfen keine Medikamente wirken, die jetzt 

00:06:52.985 --> 00:06:57.654
<v Stefanie Förderreuther>Einfluss nehmen auf die Bewusstseinslage oder auf Reflexe und den Atemantrieb. 

00:06:58.171 --> 00:07:04.654
<v Stefanie Förderreuther>Dann wird der Patient neurologisch untersucht. Das heißt, es werden die Hirnnervenreflexe geprüft. Es wird geschaut, ob die Pupillen

00:07:04.781 --> 00:07:14.143
<v Stefanie Förderreuther>auf Licht reagieren. Es wird geschaut, ob reflektorische Augenbewegungen noch erhalten sind - was man üblicherweise bei jemandem im Koma noch 

00:07:14.407 --> 00:07:21.023
<v Stefanie Förderreuther>auslösen kann, also solche reflektorischen Augenbewegungen. Es wird geprüft, wie jemand auf Schmerze reagiert und ob

00:07:21.420 --> 00:07:33.690
<v Stefanie Förderreuther>Jemand auf das Absaugen am Beatmungsgerät tatsächlich mit einem Hustenreiz reagiert, ob er einen Würgereflex hat und ob der Patient selber atmen kann. Alles das wird überprüft 

00:07:33.895 --> 00:07:35.553
<v Stefanie Förderreuther>und natürlich, 

00:07:35.698 --> 00:07:45.522
<v Stefanie Förderreuther>als Voraussetzung habe ich das jetzt gar nicht erst gesagt, auch die Bewusstseinslage. Diese Patienten sind immer tiefst bewusstlos und zeigen eben keine entsprechenden Reaktionen.

00:07:46.105 --> 00:07:54.013
<v Sandra Wahle>Sie haben jetzt eine ganze Reihe von Funktionen genannt, die geprüft werden. Wie wird denn die Unumkehrbarkeit des gesamten Ausfalls nachgewiesen?

00:07:54.927 --> 00:08:03.153
<v Stefanie Förderreuther>Da hat man sehr viele Erfahrungen gesammelt in den Jahren, in denen die Intensivmedizin groß geworden ist und man hat Patienten 

00:08:03.153 --> 00:08:17.809
<v Stefanie Förderreuther>mit solchen Symptomen, die gezeigt haben, dass keine Hirnfunktion mehr da ist, immer und immer wieder untersucht. Und man weiß aus diesen Erfahrungen, dass man entweder durch Wiederholungsuntersuchungen des klinischen Untersuchungsbefundes 

00:08:17.737 --> 00:08:26.474
<v Stefanie Förderreuther>oder aber auch durch zusätzliche operative Verfahren den Hirntod als irreversibel nachweisen kann. Das heißt,

00:08:26.757 --> 00:08:34.712
<v Stefanie Förderreuther> Abhängigkeit davon, welche Diagnose genau vorliegt - das ist jetzt ein bisschen knifflig, das ist nicht bei jedem Patienten gleich - je

00:08:34.616 --> 00:08:47.704
<v Stefanie Förderreuther>nachdem, welcher Art die Hirnschädigung gewesen ist und wo im Gehirn die primär lokalisiert gewesen ist, gibt's auch klare Regelungen, wie dieser Irreversibilitätsnachweis zu erfolgen hat. 

00:08:47.680 --> 00:08:51.868
<v Stefanie Förderreuther>Es wird sehr häufig ein operatives Zusatzverfahren angewendet. Viele

00:08:51.977 --> 00:09:04.944
<v Stefanie Förderreuther>kennen das EEG als so eine Maßnahme. Es gibt aber auch Möglichkeiten, die Hirndurchblutungen zu untersuchen und bei den allermeisten Patienten, die am Hirntod versterben, ist es tatsächlich so, dass der Druck 

00:09:05.137 --> 00:09:10.304
<v Stefanie Förderreuther>im Schädelinneren - der Schädel ist ja durch den Knochen ein geschlossenes, 

00:09:10.455 --> 00:09:22.178
<v Stefanie Förderreuther>Objekt, wenn Sie so wollen - so hoch wird, dass er höher ist als der Blutdruck des Patienten, sodass gar kein Blut mehr ins Schädelinnere gelangt. Das heißt, die Durchblutung des 

00:09:22.298 --> 00:09:25.813
<v Stefanie Förderreuther>Gehirns bleibt komplett stehen und sistiert.

00:09:25.988 --> 00:09:28.511
<v Sandra Wahle>Sieht dieser Prozess bei Kindern denn genauso aus?

00:09:28.920 --> 00:09:32.105
<v Stefanie Förderreuther>Kinder werden natürlich genauso untersucht wie Erwachsene. 

00:09:32.496 --> 00:09:42.404
<v Stefanie Förderreuther>Aber bei Neugeborenen und bei Säuglingen bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres ist tatsächlich der Nachweis der Irreversibilität noch ein bisschen anders als bei Erwachsenen, 

00:09:42.465 --> 00:09:51.472
<v Stefanie Förderreuther>Das liegt daran, dass der Reifungsprozess des kindlichen Gehirns ein anderer ist, als von einem Erwachsenen und - das wissen junge Mütter und Väter - dass die 

00:09:51.593 --> 00:10:06.068
<v Stefanie Förderreuther>Schädelnähte und die sogenannten Fontanellen noch nicht geschlossen sind. Das heißt, der Schädel selbst ist elastischer, als der eines erwachsenen Menschen und dadurch ist die Entwicklung des Hirndrucks tatsächlich ein bisschen anders. Und deswegen muss bei  Kindern 

00:10:05.990 --> 00:10:06.723
<v Stefanie Förderreuther>immer 

00:10:06.772 --> 00:10:18.315
<v Stefanie Förderreuther>zweimal klinisch untersucht werden in größeren Abständen. Und es muss jedes Mal zusätzlich ein operatives Verfahren angewendet werden, damit keine Fehldiagnose passiert.

00:10:23.549 --> 00:10:36.606
<v Sandra Wahle>In manchen Fällen ist es schwer zu verstehen, dass jemand gestorben ist. Weil das Herz weiterschlägt, sehen die Menschen noch lebendig aus. Doch es gibt Bewusstseinszustände, die einem Hirntod im ersten Moment ähnlich sind.

00:10:43.475 --> 00:10:50.613
<v Sandra Wahle>Wie lässt sich so ein irreversibler Hirnfunktionsausfall denn von anderen schweren Hirnschädigungen oder zum Beispiel von einem Koma unterscheiden?

00:10:50.962 --> 00:10:56.046
<v Stefanie Förderreuther>Nun das Koma ist ja nur eines der Symptome vom irreversiblen Hirnfunktionsausfall. 

00:10:56.064 --> 00:11:02.619
<v Stefanie Förderreuther>Ich habe ja gerade schon gesagt, dass wir den Patienten viel eingehender untersuchen und tatsächlich diese ganzen Hirnnervenreflexe,

00:11:02.866 --> 00:11:07.289
<v Stefanie Förderreuther>prüfen. Und viele andere schwerwiegende Hirnschädigungen 

00:11:07.259 --> 00:11:19.992
<v Stefanie Förderreuther>zeigen eben viele Reflexe erhalten. Das ist eben das Typische daran. Auch wenn ein Patient komatös ist, reagieren dann eben möglicherweise die Pupillen gut auf Licht, die Augen können noch bewegt werden reflektorisch, 

00:11:20.178 --> 00:11:22.311
<v Stefanie Förderreuther>der Atemantrieb ist nicht erloschen.

00:11:22.221 --> 00:11:34.365
<v Stefanie Förderreuther> Das ist übrigens ein ganz ganz wichtiges und essentielles Zeichen für uns: dass jemand eben selber nicht mehr atmen kann, ja? Und wenn jemand den letzten eigenen Atemzug getan hat, ist das ja auch für uns häufig das 

00:11:34.624 --> 00:11:42.628
<v Stefanie Förderreuther>klassische Bild von jemandem, der verstorben ist. Also das wird tatsächlich sehr sehr eingehend neurologisch untersucht und ergibt dann im

00:11:42.514 --> 00:11:55.722
<v Stefanie Förderreuther>Gesamtkontext aus der Diagnose, wo wir eben sehen: was am Gehirn ist eigentlich geschädigt? Wie ausgeprägt ist es? Was kann der Patient noch? Wie ist der Krankheitsverlauf gewesen? Wie hat sich das alles entwickelt?

00:11:55.638 --> 00:12:02.320
<v Stefanie Förderreuther>Daraus kann man sehr genau ermessen, ob nun tatsächlich ein irreversibler Hirnfunktionsausfall vorliegt oder ob 

00:12:02.386 --> 00:12:07.986
<v Stefanie Förderreuther>einzelne, aber eben nicht alle, Hirnfunktionen gestört oder gar ausgefallen sind.

00:12:08.413 --> 00:12:15.774
<v Sandra Wahle>Wird dann wirklich alles medizinisch Machbare für die Behandlung einer Person getan, die sich zu Lebzeiten für eine Organspende bereiterklärt hat?

00:12:16.135 --> 00:12:30.442
<v Stefanie Förderreuther>st eine häufige Frage. Ich muss immer so ein bisschen lachen, weil ich weiß nicht, wie sich die Menschen das vorstellen. Wenn wir einen Patienten, der so schwer krank ist, versorgen, dann suchen wir nicht als allererstes im Geldbeutel nach dem Organspendeausweis, sondern wir tun natürlich 

00:12:30.298 --> 00:12:31.181
<v Stefanie Förderreuther>alles

00:12:31.188 --> 00:12:44.581
<v Stefanie Förderreuther> für den Patienten, weil wir unsere Patienten nicht verlieren wollen. Es ist ja immer für uns Ärzte eine Niederlage, wenn wir einen Patienten verlieren. Natürlich tun wir alles für den Patienten und versuchen immer alles auch in dessen Sinne zu tun. 

00:12:44.564 --> 00:12:54.977
<v Stefanie Förderreuther>So ein irreversibler Hirnfunktionsausfall tritt ja wirklich nur bei den allerschwersten Hirnverletzungen auf. Das zeichnet sich in der Regel dann im Verlauf ab, ob sich so etwas entwickelt. 

00:12:54.990 --> 00:13:04.219
<v Stefanie Förderreuther>Zunächst stehen natürlich immer die Belange des Patienten im Vordergrund und wir tun erstmal alles für den Patienten. Und erst, wenn wir sehen, dass 

00:13:04.490 --> 00:13:12.860
<v Stefanie Förderreuther>unsere Bemühungen tatsächlich nicht fruchten, dass der Hirndruck so hoch ist, dass wir ihn nicht mehr senken können, erst dann kommt 

00:13:13.095 --> 00:13:20.864
<v Stefanie Förderreuther>überhaupt der Gedanke: "Diesem Patienten können wir nicht mehr helfen". Und danach kommt vielleicht der Gedanke - 

00:13:21.189 --> 00:13:24.962
<v Stefanie Förderreuther>eigentlich wird daran viel zu selten gedacht, muss man sagen - dann erst kommt

00:13:24.885 --> 00:13:38.056
<v Stefanie Förderreuther> der Gedanke: "Ach ja, das ist vielleicht jemand, der im irreversiblen Hirnfunktionsausfall verstirbt. Das werden wir irgendwann vielleicht diagnostizieren müssen und dann ist es jemand, der auch für eine Organspende in Betracht kommen könnte."

00:13:38.417 --> 00:13:51.360
<v Sandra Wahle>Wenn die Ärzte oder Ärztinnen den Hirntod dann bestätigt haben und es liegt eine Zustimmung zur Organentnahme vor, dann werden die intensivmedizinischen Maßnahmen ja bis zur Organentnahme trotzdem fortgeführt. Aus welchem Grund passiert das?

00:13:51.973 --> 00:14:00.001
<v Stefanie Förderreuther>Weil die Organe sonst schlicht nicht transplantierbar sind. Ja, sonst könnten wir ja von jedem toten Menschen Organe entnehmen. 

00:14:00.176 --> 00:14:07.993
<v Stefanie Förderreuther>In dem Moment, wo der Kreislauf nicht mehr arbeitet, in dem Moment, wo die Lunge nicht mehr für die Sauerstoffversorgung sorgt, 

00:14:08.330 --> 00:14:12.710
<v Stefanie Förderreuther>werden die Organe einfach so stark geschädigt, dass man sie nicht mehr übertragen kann. 

00:14:12.861 --> 00:14:23.184
<v Stefanie Förderreuther>Diese künstlichen Maßnahmen, dass der Patienten einen suffizienten Blutdruck hat und dass er ausreichend beatmet wird, das muss weitergeführt werden. Nur so kann ein 

00:14:23.089 --> 00:14:29.668
<v Stefanie Förderreuther>Organ entnommen werden und dann auch entsprechend aufbereitet werden, damit es übertragen werden kann.

00:14:30.059 --> 00:14:36.578
<v Sandra Wahle>Warum braucht man bei der Organentnahme denn dann eine Anästhesistin oder einen Anästhesisten? Bekommen die Leute eine Narkose?

00:14:37.066 --> 00:14:44.931
<v Stefanie Förderreuther>Natürlich brauchen diese Patienten keine Narkose, weil wenn das Gehirn nicht arbeitet, kann auch kein Schmerzempfinden mehr stattfinden. 

00:14:45.328 --> 00:14:50.441
<v Stefanie Förderreuther>Es braucht jemanden, der tatsächlich den Kreislauf überwacht, der die Beatmung überwacht. 

00:14:50.694 --> 00:14:57.628
<v Stefanie Förderreuther>Und deswegen ist ein zusätzlicher Anästhesist in der Regel erforderlich. Das geht gar nicht ohne. Was 

00:14:58.001 --> 00:15:04.076
<v Stefanie Förderreuther>passieren kann, und das ist noch gar nicht zur Sprache gekommen und es ist ein wichtiger Punkt, der mir auch am Herzen liegt: ich

00:15:04.443 --> 00:15:16.280
<v Stefanie Förderreuther> habe ja gesagt, dass unser Gehirn das übergeordnete Organ unseres Nervensystems ist. Das heißt, es gibt ja immer noch auch spinale Phänomene. Das Rückenmark ist nicht automatisch mit ausgefallen 

00:15:16.461 --> 00:15:18.492
<v Stefanie Förderreuther>und ausgehend vom Rückenmark 

00:15:18.366 --> 00:15:27.211
<v Stefanie Förderreuther>können tatsächlich auch mal noch Reflexe im Rahmen der Organentnahme eine Rolle spielen. Und auch um dies zu kontrollieren, ist dann der Anästhesist da.

00:15:27.566 --> 00:15:36.795
<v Sandra Wahle>Wir haben ja eben über die Ärzte gesprochen, die den Hirntod überhaupt diagnostizieren können. Was hat denn dieser Arzt oder diese Ärztin für eine Rolle bei der Organentnahme selbst?

00:15:37.024 --> 00:15:38.802
<v Stefanie Förderreuther>Überhaupt gar keine. Das ist 

00:15:39.079 --> 00:15:52.984
<v Stefanie Förderreuther>natürlich streng getrennt. Man will auch niemanden in irgendeinen Interessenkonflikt bringen. Das heißt, jemand der an der Hirntod-Feststellung beteiligt ist, darf nicht an der Organentnahme oder an der Organübertragung 

00:15:53.176 --> 00:15:58.746
<v Stefanie Förderreuther>teilnehmen. Das ist streng getrennt. Diese Ärzte sind auch keinen Weisungen irgendwie 

00:15:58.975 --> 00:16:13.919
<v Stefanie Förderreuther>verpflichtet von irgendwelchen Vorgesetzten, sondern die Ärzte entscheiden ganz frei und eigenverantwortlich aufgrund ihrer Expertise und haben dann mit der Organspende in dem Sinne und mit dem ganzen Prozess der Operation und der Übertragung des Organs 

00:16:13.800 --> 00:16:15.067
<v Stefanie Förderreuther>nichts mehr zu tun.

00:16:15.662 --> 00:16:18.396
<v Sandra Wahle>Wird der Organspendeprozess denn auch kontrolliert?

00:16:19.046 --> 00:16:27.434
<v Stefanie Förderreuther>Ich würde mal sagen, eigentlich sollte das gar nicht notwendig sein, weil wir Ärzte natürlich genau sind und sorgfältig arbeiten und auch nicht bestechlich sind. 

00:16:27.650 --> 00:16:37.042
<v Stefanie Förderreuther>Tatsächlich wird das Ganze natürlich sehr sorgfältig kontrolliert. Und zwar gibt's eine Kommission innerhalb der Bundesärztekammer, die sogenannte Überwachungskommission. Das ist 

00:16:37.199 --> 00:16:44.764
<v Stefanie Förderreuther>ein Gremium, das sich aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen zusammensetzt und da sind auch Ärzte dabei. Und diese Überwachungskommission ist

00:16:45.149 --> 00:16:55.616
<v Stefanie Förderreuther>dafür zuständig, den gesamten Organspendeprozess einschließlich der Hirntoddiagnostik zu überwachen. Und es wird auch routinemäßig einmal im Jahr entsprechend eine 

00:16:55.869 --> 00:17:03.332
<v Stefanie Förderreuther>Fragestunde sozusagen bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation gemacht und da werden die ganzen Abläufe genau überprüft. 

00:17:03.687 --> 00:17:10.465
<v Stefanie Förderreuther>Hinzu kommt aber, dass an diese Kommission auch sämtliche Anfragen gerichtet werden, wenn also irgendjemand den Eindruck hat, dass 

00:17:10.669 --> 00:17:20.235
<v Stefanie Förderreuther>etwas nicht in Ordnung gelaufen ist bei einer Organspende oder dass die Hirntoddiagnostik möglicherweise nicht korrekt gemacht worden ist. Dann wendet man sich an die Bundesärztekammer. Da 

00:17:20.572 --> 00:17:29.526
<v Stefanie Förderreuther>gibt's eine eigene Stelle und solche Fragen werden dann eben an die Überwachungskommission weitergeleitet. Und da wird dann eben gutachterlich so etwas überprüft.

00:17:29.424 --> 00:17:34.086
<v Sandra Wahle>Ist in Deutschland denn schon mal eine falsch positive Diagnose eines Hirntods bekannt geworden?

00:17:34.501 --> 00:17:42.709
<v Stefanie Förderreuther>Nein. Tatsächlich ist es so, dass die Hirntodfeststellung eine außerordentlich sichere Art der Todesfeststellung ist. 

00:17:43.130 --> 00:17:56.506
<v Stefanie Förderreuther>Sie werden lachen: ich höre gelegentlich mal von den Gerichtsmedizinern, dass es tatsächlich Patienten gibt, die nicht im Hirntod versterben, sondern bei denen auf anderen Wegen der Tod festgestellt wurde, wo sich dann in der Kühlkammer herausgestellt hat, dass doch nicht 

00:17:57.017 --> 00:17:59.306
<v Stefanie Förderreuther>der Tod wahrscheinlich eingetreten war. 

00:17:59.710 --> 00:18:10.411
<v Stefanie Förderreuther>Das ist dagegen bei der Hirntodfeststellung in Deutschland noch nicht festgestellt worden. Nun, das ist so ganz was Wichtiges. Sämtliche Schauergeschichten, die manchmal durch die Medien 

00:18:10.550 --> 00:18:21.360
<v Stefanie Förderreuther>kursieren, sind überprüft worden und tatsächlich ist eindeutig festzustellen, dass alle die Patienten, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, auch tatsächlich tot waren. Ich 

00:18:21.661 --> 00:18:29.580
<v Stefanie Förderreuther>will einräumen, dass tatsächlich auch mal formale Fehler gemacht worden sind. Denn wenn diese Hirntodfeststellung erfolgt, ist ein spezieller Protokollbogen 

00:18:29.671 --> 00:18:40.348
<v Stefanie Förderreuther>auszufüllen. Dass da mal irgendwer vergessen hat, irgendwo ein Kreuzchen zu machen oder so, dass irgendeine Formalität gefehlt hat: Ja, das ist vorgekommen, aber das heißt deswegen ja nicht, dass

00:18:40.938 --> 00:18:46.610
<v Stefanie Förderreuther>reffende Patienten nicht tot gewesen ist, sondern da ist einfach ein Flüchtigkeitsfehler passiert. 

00:18:46.538 --> 00:18:53.502
<v Stefanie Förderreuther>Alle Fälle, die überprüft worden sind, waren in Ordnung und ich kann sagen, dass im internationalen Vergleich unsere

00:18:53.815 --> 00:19:01.927
<v Stefanie Förderreuther>Regeln zur Feststellung des Hirntodes tatsächlich besonders genau und so richtig deutsch sind, besonders genau und 

00:19:01.819 --> 00:19:06.241
<v Stefanie Förderreuther>ganz gut abgesichert sind, sodass auch jeder, der sich anhand dieser 

00:19:06.110 --> 00:19:18.404
<v Stefanie Förderreuther>Richtlinie, die von einem Expertengremium der Bundesärztekammer herausgegeben worden ist, und immer wieder aktualisiert wurde - wer nach dieser Richtlinie eine Hirntodfeststellung macht, muss keine Angst haben, dass er einen Fehler begeht.

00:19:18.981 --> 00:19:21.799
<v Sandra Wahle>Frau Dr. Förderreuther, vielen Dank für das Gespräch.

00:19:31.222 --> 00:19:43.401
<v Sandra Wahle>Der Hirntod wird auf der Intensivstation mit genau vorgeschriebenen Verfahren eindeutig festgestellt. In Deutschland ist bisher noch keine falsch-positive Diagnose eines Hirntods bekannt geworden. 

00:19:43.907 --> 00:19:51.333
<v Sandra Wahle>Weitere Informationen finden Sie wie immer in den Shownotes. Wie geht es nach der Feststellung des Hirntods weiter? 

00:19:51.911 --> 00:20:01.375
<v Sandra Wahle>Wann kommt es zu einer Organspende und wer koordiniert sie? Das erfahren sie in der nächsten Folge unseres Podcasts. Hören Sie gern wieder rein.

