WEBVTT

00:00:03.215 --> 00:00:10.888
<v Sandra Wahle>Muss ich einer Organspende zustimmen, wenn ich Spender sein will? Oder muss ich aktiv widersprechen, wenn ich nicht spenden möchte?

00:00:20.455 --> 00:00:27.623
<v Sandra Wahle>Darüber wurde in den 1990er Jahren intensiv diskutiert, als das Transplantationsgesetz geschaffen wurde. 

00:00:28.266 --> 00:00:36.781
<v Sandra Wahle>Auch im Jahr 2020, bei der Diskussion um eine Änderung des Transplantationsgesetzes, ging die Meinung dazu auseinander. 

00:00:37.010 --> 00:00:40.807
<v Sandra Wahle>Darüber haben wir in der ersten Folge unseres Podcasts gesprochen.

00:00:41.715 --> 00:00:46.527
<v Sandra Wahle>Im Internet und in Broschüren gibt es reichlich Informationen zur Organspende. 

00:00:46.744 --> 00:00:52.951
<v Sandra Wahle>Trotzdem kommen viele Menschen wenig mit dem Thema in Kontakt und fühlen sich nicht ausreichend informiert. 

00:00:53.715 --> 00:01:07.229
<v Sandra Wahle>In dieser Episode geht es um eine Neuerung im geltenden Transplantationsgesetz, die diesen Informationsbedarf aufgreift. Nämlich die Möglichkeit, sich vom Hausarzt oder der Hausärztin zur Organspende beraten zu lassen. 

00:01:08.822 --> 00:01:17.727
<v Sandra Wahle>Und damit herzlich willkommen zur zweiten Folge des Podcasts "Organspende - verstehen und entscheiden" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. 

00:01:18.262 --> 00:01:21.759
<v Sandra Wahle>Ich bin Sandra Wahle und ich freue mich, dass Sie wieder dabei sind. 

00:01:24.517 --> 00:01:33.699
<v Sandra Wahle>Zukünftig können sich Interessierte alle zwei Jahre ergebnisoffen beim Hausarzt oder bei der Hausärztin über das Thema Organspende beraten lassen. 

00:01:34.198 --> 00:01:40.303
<v Sandra Wahle>Zu diesem Thema begrüße ich heute Ulrich Weigeldt vom deutschen Hausärzteverband. Guten Tag, Herr Weigelt.

00:01:40.237 --> 00:01:41.276
<v Ulrich Weigeldt>Guten Tag, Frau Wahle.

00:01:41.511 --> 00:01:53.865
<v Sandra Wahle>Ein ganz zentraler Punkt des neuen Transplantationsgesetzes ist ja, dass künftig die Hausärztinnen und Hausärzte über die Organspende informieren sollen. Diese Beratung wird jetzt auch vergütet. 

00:01:54.070 --> 00:01:59.994
<v Sandra Wahle>Was glauben Sie: Warum ist diese Beratungsaufgabe in den Praxen richtig aufgehoben?

00:02:00.121 --> 00:02:07.566
<v Ulrich Weigeldt>Nun ja, also das ist sehr schön, dass es jetzt auch gesetzlich geregelt ist. Das haben wir schon immer gemacht und das gehört eigentlich dazu, dass man den Menschen

00:02:07.921 --> 00:02:12.565
<v Ulrich Weigeldt>auch Ratschläge in solchen Situationen gibt. Und der Vorteil ist natürlich, dass wir uns 

00:02:12.788 --> 00:02:23.550
<v Ulrich Weigeldt>in der Regel gut kennen - die Patienten, die lange bei uns sind, und wir - und dass natürlich eine Vertrauenssituation da ist, die es möglich macht auch über kritische Themen miteinander zu reden.

00:02:23.749 --> 00:02:33.928
<v Sandra Wahle>Wie kann ich mir das denn vorstellen? Sie haben jetzt gesagt, das ist auch vorher schon Thema gewesen in den Praxen. Aber wo wird das genau platziert? Also wann kommt das Thema Organspende zu Sprache?

00:02:34.090 --> 00:02:41.559
<v Ulrich Weigeldt>Das ist völlig unterschiedlich. Also es kann sein, dass es spontan ist. Wir haben überall auf den Schreibtischen in der Praxis, in der ich jetzt 

00:02:41.836 --> 00:02:51.961
<v Ulrich Weigeldt>nur noch Vertretungsweise tätig, beispielsweise einen Flyer dazu liegen beziehungsweise Organspendeausweise. Das führt manchmal zu einer Frage: Was ist das? Und wie kriegt man das? Muss man das haben? 

00:02:52.442 --> 00:03:02.693
<v Ulrich Weigeldt>Das kann spontan passieren, das kann passieren, wenn Angehörige im Sterben liegen oder es ihnen sehr schlecht geht und man nicht genau weiß und manchmal kommt es dann zu solchen Gesprächen. 

00:03:03.012 --> 00:03:10.132
<v Ulrich Weigeldt>Eigentlich ist es selten der Fall, dass jemand kommt und sagt "Ich hätte gerne mal einen Termin wegen Organspende." Das habe ich persönlich noch nie erlebt. Kann 

00:03:10.692 --> 00:03:17.758
<v Ulrich Weigeldt>ja eventuell passieren, aber in der Regel ist das nicht etwas, wo man sagt, "So, ich wollte mal über Organspende reden. Ich rufe mal meinen Arzt an", sondern, 

00:03:18.107 --> 00:03:22.277
<v Ulrich Weigeldt>solche Dinge kommen manchmal nebenbei. Es kann nun sein, dass Sie im dunklen Zimmer sitzen und eine

00:03:22.547 --> 00:03:35.016
<v Ulrich Weigeldt>Ultraschalluntersuchung machen und dann sagen: "Gucken Sie mal, da ist die Leber" und dann kommt mit einmal die Frage: "Ja, wie ist das überhaupt?" Und insofern kann man keine Regel aufstellen, wann und wie diese Gespräche stattfinden.

00:03:34.962 --> 00:03:43.999
<v Sandra Wahle>Wenn es dann zu so einem Gespräch kommt - also ich hab's jetzt so verstanden, dass es eher dann spontaner, beiläufiger passiert, aber trotzdem - wie erleben Sie die Patientinnen und Patienten dann?

00:03:44.282 --> 00:03:52.286
<v Ulrich Weigeldt>Das ist kaum zu beantworten, weil da kann ich nur sagen: wir haben in der Praxis noch nie eine Statistik im Wartezimmer sitzen gehabt, sondern nur verschiedene Menschen. 

00:03:52.635 --> 00:03:57.802
<v Ulrich Weigeldt>So verschieden wie die sind, sind auch die Ansatzpunkte sich darüber zu unterhalten. Also

00:03:58.253 --> 00:04:07.092
<v Ulrich Weigeldt>hat man sich damit schon mal beschäftigt? Ist man irgendwie konfrontiert worden durch Bekannte oder Verwandte oder durch eine Fernsehsendung oder durch einen Flyer oder was auch 

00:04:07.429 --> 00:04:14.177
<v Ulrich Weigeldt>immer? Das ist dann sehr unterschiedlich, wo dann der Wunsch herkommt, sich darüber zu unterhalten. 

00:04:14.742 --> 00:04:26.880
<v Ulrich Weigeldt>Und das muss man dann strukturieren gegebenenfalls. Da kann man auch manchmal sagen: "Das können wir jetzt nicht zu Ende besprechen, da müssten wir vielleicht nochmal uns verabreden und nochmal einen Termin machen". Aber es ist wirklich so unterschiedlich, wie die Menschen sind.

00:04:27.397 --> 00:04:33.352
<v Sandra Wahle>Um da noch mal tiefer reinzugehen: Was fragen die Menschen denn dann so? Oder welche Ängste äußern die vielleicht auch?

00:04:34.001 --> 00:04:44.625
<v Ulrich Weigeldt>Ich habe das Gefühl, dass man da gar nicht so eine konkrete Angst vor irgendwas hat, sondern es ist etwas, was ja zunächst weit weg ist - so wie das Sterben und der Tod ja auch in der Regel eher weit weg sind - und

00:04:45.058 --> 00:04:57.292
<v Ulrich Weigeldt>man sich darunter nicht gut was vorstellen kann und sich, je nachdem was man für einen Kontext hat oder wo man herkommt, unterschiedliche Vorstellungen davon macht. Und das kann man aufklären, indem man einfach hier 

00:04:57.659 --> 00:05:09.334
<v Ulrich Weigeldt>deutlich macht, worum es geht. Aufklären, was passiert praktisch. Und das ist glaube ich auch das, was die Leute wissen wollen: "Was kann ich mir darunter vorstellen?" Also es ist nicht unbedingt so, dass die sagen: "Oh Gott, oh Gott, oh Gott, dann kommt

00:05:09.617 --> 00:05:18.847
<v Ulrich Weigeldt>der Rettungssanitäter und sagt, ach nee, den lassen wir mal da liegen." Also das passiert alles nicht. Sondern tatsächlich sind es sehr sachliche Fragen, die dann 

00:05:19.099 --> 00:05:20.511
<v Ulrich Weigeldt>da eine Rolle spielen.

00:05:20.722 --> 00:05:30.294
<v Sandra Wahle>Als Hausärztinnen und Hausärzte müssen Sie ja ergebnisoffen informieren. Wie stellen Sie sicher, dass das klappt? Denn sicherlich haben ja viele Hausärzte auch eine eigene Meinung zu dem Thema.

00:05:30.613 --> 00:05:41.933
<v Ulrich Weigeldt>Die meisten Hausärztinnen und Hausärzte würden schon eher versuchen den Patienten die Sorge und die Angst oder dieses diffuse Gefühl einer Organspende zu nehmen und

00:05:42.288 --> 00:05:47.822
<v Ulrich Weigeldt>sie eher darauf vorbereiten, dass man das ohne Weiteres machen kann, dass einem nichts verloren geht. 

00:05:48.346 --> 00:06:01.102
<v Ulrich Weigeldt>Ergebnisoffen würde ich so verstehen, dass man dem Patienten nicht zu irgendwas überredet, dass man ihn nicht zu irgendwelchen Entscheidungen nötigt, die er nicht treffen will, weil er aus religiösen oder sonstigen Gründen dagegen ist. Ich kann jetzt den 

00:06:01.583 --> 00:06:07.027
<v Ulrich Weigeldt>Zeugen Jehovas auch nicht sagen: "Ich werde jetzt mal in Bluttransfusionen geben", wenn mir danach ist.

00:06:07.460 --> 00:06:18.583
<v Sandra Wahle>Das Thema Organspende ist ja insgesamt sehr komplex und darin sind auch viele verschiedene Akteure beteiligt. Woher bekommen Sie als Hausärztinnen und Hausärzte denn die nötigen Infos, die Sie für eine gute Beratung brauchen?

00:06:18.896 --> 00:06:28.822
<v Ulrich Weigeldt>Ja, das fängt an mit der Ausbildung, würde ich sagen. Das fängt schon mit dem Studium an, geht dann in die Weiterbildung als Hausärztin und Hausarzt noch mal fünf Jahre - davon mindestens zwei Jahre in der Praxis, wo man

00:06:29.159 --> 00:06:43.905
<v Ulrich Weigeldt>damit zu tun hat. Und wir nutzen natürlich dann auch die Organspende-Infos, die es gibt - beispielsweise von der BZgA. Das sind alles Dinge, die wir nutzen. Ich glaube der Haupthintergrund, den wir haben, ist tatsächlich die Erfahrung 

00:06:44.176 --> 00:06:56.031
<v Ulrich Weigeldt>als Ärztin oder als Arzt und die ist ja auch dringend notwendig, um mit den Patienten auch eine Gesprächsebene zu finden. Es ist ja nicht jeder in gleicher Weise ansprechbar. Es ist doch ein Unterschied, ob ich jetzt jemanden habe, der einen 

00:06:56.392 --> 00:07:01.776
<v Ulrich Weigeldt>wissenschaftlichen Beruf hat - mit dem wird man anders sprechen, als mit jemandem, der vielleicht zu

00:07:02.149 --> 00:07:09.431
<v Ulrich Weigeldt>gewandert ist und mit den Deutschkenntnissen nicht ganz so vertraut ist. Da muss man halt immer individuell beraten und insofern

00:07:09.732 --> 00:07:14.419
<v Ulrich Weigeldt>passt das ja zu uns Hausärztinnen und Hausärzten, weil wir machen ja personalisierte Medizin.

00:07:14.702 --> 00:07:23.156
<v Sandra Wahle>Also ich nehme mit: die persönliche Beratung beim Hausarzt zum Thema Organspende ist ganz zentral im neuen Transplantationsgesetz. 

00:07:23.433 --> 00:07:32.723
<v Sandra Wahle>Hausärztinnen und Hausärzte können ihre Patientinnen und Patienten individuell und ergebnisoffen beraten. Herr Weigeldt, vielen Dank für das Gespräch.

00:07:32.567 --> 00:07:33.732
<v Ulrich Weigeldt>Ich danke Ihnen, Frau Wahle.

00:07:37.320 --> 00:07:51.825
<v Sandra Wahle>Durch das neue Transplantationsgesetz haben Bürgerinnen und Bürger es leichter, sich über Organspende zu informieren. Gerade in der vertrauten Umgebung bei der Hausärztin oder beim Hausarzt können Sie alle Fragen stellen, die Sie bei diesem Thema bewegen. 

00:07:52.313 --> 00:08:06.049
<v Sandra Wahle>Wenn Sie sich auf ein solches Gespräch vorbereiten wollen, können Sie hierzu kostenfrei Informationsmaterialien bestellen und zwar bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter www.organspende-info.de. 

00:08:06.572 --> 00:08:09.961
<v Sandra Wahle>In unseren Shownotes finden Sie dazu die entsprechenden Links. 

00:08:10.394 --> 00:08:20.513
<v Sandra Wahle>In unserer nächsten Folge erfahren Sie, warum eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende für Ärztinnen und Ärzte, aber auch Angehörige so wichtig ist. 

00:08:21.054 --> 00:08:26.155
<v Sandra Wahle>Hören Sie wieder rein und erhalten Sie weitere Einblicke in den Prozess der Organspende.

