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Wir Hausärzte sind wichtige Ansprechpersonen für Fragen zur Organspende

Lesedauer: 4 Minuten
Ihre Landpraxis in Ilsede in der Nähe von Peine betreibt Marion Renneberg gemeinsam mit ihrem Mann. Seit 29 Jahren arbeitet sie hier als Hausärztin.

Frau Renneberg, Ihnen scheint das Thema Organspende am Herzen zu liegen.

BZgA: Sie haben in Ihrer Praxis Informationsmaterialien zum Organspendeausweis ausliegen. Ihnen scheint das Thema am Herzen zu liegen.

Marion Renneberg: Ja, so ist es. Mir ist früh klar geworden, dass jeder von uns ganz plötzlich zur Empfängerin oder zum Empfänger werden kann.

Es kann sein, dass ich von heute auf morgen schwer erkranke und mir ein Arzt verkündet: „Liebe Frau Renneberg, Ihnen hilft jetzt nur noch ein neues Organ.“ Genauso kann es passieren, dass ich in die Situation komme, in der ich zur potenziellen Spenderin werde.

Betreuen Sie Patientinnen und Patienten, die auf eine Organspende warten?

BZgA: Haben Sie Patientinnen oder Patienten, die ein Spenderorgan erhalten haben und die Sie während der Wartezeit auf ein Organ betreut haben?

Marion Renneberg: Ja, einige. Wissen Sie, ich habe Menschen kennengelernt, die lange auf ein Organ gewartet haben. Ich habe gesehen, wie belastend das für die Betroffenen und für die Angehörigen ist. Ich kenne Menschen, die das Glück hatten, ein Organ zu bekommen. Und ich erlebe die große Freude, mit der sie ihr zweites Leben leben.

Erst neulich habe ich mit einer ehemaligen Dialysepatientin gesprochen. Vor ihrer Transplantation war sie extrem erschöpft und sagte mir, dass sie nicht davon ausgehen würde, noch lange zu leben. Diese Patientin stand neulich vor mir und strahlte mich an: „Frau Renneberg, ich bin gerade 70 Jahre alt geworden. Ich habe meine Einschränkungen und muss täglich meine Medikamente nehmen. Aber ich genieße mein Leben so sehr und ich bin so dankbar, dass ich noch leben darf."

Ergebnisoffene Aufklärung

BZgA: Wenn Sie die Sorge und Freude miterleben, empfinden Sie es da nicht manchmal als Herausforderung, ergebnisoffen zur Organspende zu informieren?

Marion Renneberg: Ganz und gar nicht. Meine Aufgabe ist es, Patientinnen und Patienten zu informieren. Jeder muss seine eigene Entscheidung treffen. Und die Entscheidung kann durchaus auch ein Nein auf dem Organspendeausweis sein. Das ist vollkommen in Ordnung. Mein Ziel ist der mündige Patient. Jemand, der weiß, was in seinem Körper los ist, und die Entscheidungen für sich trifft.

Eine persönliche Entscheidung für oder gegen Organspende treffen

BZgA: Was können Sie in Ihrer Rolle als Hausärztin tun, damit mehr Menschen ihre persönliche Entscheidung für oder gegen eine Organspende treffen?

Marion Renneberg: Wir genießen bei unseren Patientinnen und Patienten in der Regel ein sehr hohes Vertrauen. Bei intimen Fragen und in verschiedenen Lebenssituationen sind wir wichtige Ansprechpartner. Dies gilt auch für das sehr sensible Thema Organspende.

Wer sich mit Organspende beschäftigt, muss an sein Lebensende denken. Das schiebt man gerne vor sich her. Ich halte das persönliche Gespräch für wichtig. Es kommt dabei auch auf die richtige Situation an. Aber das spüren wir als Hausärzte. Besonders, wenn wir Patientinnen und Patienten über Jahre begleiten und gut kennen.

Häufige Fragen zur Organspende

BZgA: Mit welchen Fragen kommen Ihre Patientinnen und Patienten auf Sie zu?

Marion Renner: Es gibt typische Fragen. Zum Beispiel: „Bin ich zu alt, um Organspender zu werden?“ oder „Welche Organe darf ich spenden? Darf ich bestimmen, welche Organe ich spenden möchte, oder Organe ausschließen? Was passiert, wenn ich eine Patientenverfügung habe?“ Und dann ist da häufig die Angst, ob man bei der Organentnahme wirklich tot ist oder was mit dem Terminus „Hirntod“ gemeint ist. Da spüre ich immer wieder Unsicherheiten. Das Thema Tod ist einfach angstbesetzt.

BZgA: Wie können Sie die Angst nehmen?

Marion Renneberg: Ich versuche, die Patientinnen und Patienten zu informieren und individuell zu beraten. Fakten und Informationen nehmen diese Ängste häufig. Es gibt gute Informationsmaterialien, die ich direkt mitgeben kann.

Auseinandersetzung mit dem Thema Organspepnde

BZgA: Viele Menschen meiden die Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende. Haben Sie Verständnis dafür?

Marion Renneberg: Klar, aber ich persönlich finde es falsch, keine Entscheidung zu treffen. Ich finde es wichtig, sich irgendwann mit der eigenen Organspendebereitschaft auseinanderzusetzen und die Entscheidung auch zu dokumentieren. Und sei es, um den Angehörigen diese Entscheidung im Zweifel abzunehmen. Hier sind wir beim zentralen Argument für den Organspendeausweis: Niemand kann wollen, dass die engsten Angehörigen auf der Intensivstation eine Entscheidung für oder gegen eine Organentnahme treffen müssen.

 

Ich habe persönlich erlebt, wie schlimm es ist, nachträglich zu zweifeln, ob man eine so wichtige Entscheidung im Sinne des Verstorbenen getroffen hat. Die Situation ist schon so schwer genug. Und noch einmal: Ich habe kein Problem damit, wenn sich jemand aus welchem Grund auch immer gegen eine Organspende entscheidet. Mir wäre nur wichtig, dass er seine Entscheidung dokumentiert.

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