"Die Nachsorge dauert lebenslang!"

Interview mit Dr. Wolfgang Arns
Leiter des Transplantationszentrum Köln-Merheim
Nierenspezialist und Facharzt für innere Medizin

 

Dr. ArnsWie sieht Ihr normaler Tagesablauf im Transplantationszentrum aus?

Ein typischer Morgen beginnt mit vielen organisatorischen Aufgaben und Besprechungen: Unsere 22-Betten-Station beherbergt ja nicht nur Patienten, die transplantiert wurden. Auch andere Kranke werden hier internistisch behandelt. Für Patienten, die übers Wochenende oder über Nacht eingelieferten wurden, werden weitere Behandlungsschritte eingeleitet.

Am Vormittag steht die Visite an. Zusammen mit unserer Stationsärztin bzw. unserem Stationsarzt und der Schwester besuche ich die Patienten auf der Station. Je nach Zustand kann ich einen Entlassungstermin nennen oder weitere Untersuchungen anordnen, wenn sich Werte verschlechtert haben, weitere Probleme oder Schmerzen aufgetreten sind.

Später treffe ich in der Nierenambulanz auf unsere Patienten, die bereits entlassen worden sind und zu einem Nachsorgetermin ins Klinikum kommen. Wir besprechen Probleme und suchen nach Lösungen. Manchmal müssen Patienten erneut stationär aufgenommen werden. Aber die meisten berichten über ihre Fortschritte bei der Genesung, was natürlich sehr erfreulich ist.

Wie ein „normaler" Arzt habe ich tagsüber Termine mit Patienten, die von Ärzten in Dialysezentren, Allgemeinmedizinern oder Nierenspezialisten zu uns geschickt werden. Ich untersuche sie, überprüfe ihren Gesundheitszustand und kläre sie über eine mögliche Transplantation auf. Wichtig ist mir dabei, ihnen soviel Information wie möglich zu geben, damit sie für sich selbst das Risiko einer solchen Operation einschätzen können.

Spätnachmittags bin ich dann meistens im Transplantationsbüro zu finden. Hier wird unsere Warteliste mit 400 Patienten geführt, die auf eine neue Niere hoffen. Wir nehmen jedes Jahr etwa 130 neue Patienten auf unsere Liste, auf der es fast jeden Tag Veränderungen gibt.

Leider nehmen Zeitfresser wie Dokumentation, Telefonate und Logistik immer mehr kostbare Arbeitszeit weg, die eigentlich den Patienten zur Verfügung stehen sollte.

Welche Vorteile hat eine Transplantation für die oft schwerkranken Patienten?

Ein Mensch, dessen Nierenfunktion durch die maschinellen Blutwäsche (Dialyse) ersetzt werden muss, hat viele Einschränkungen zu ertragen: Häufig kann er auf Grund seines schlechten körperliche Zustandes nicht arbeiten, er muss dreimal pro Woche für ca. fünf Stunden an die Dialyse, er darf viele Dinge nicht essen und nur sehr wenig trinken. Reisen sind zwar generell möglich - allerdings nur dorthin, wo Feriendialysen angeboten werden.

Nach einer Nierentransplantation fallen viele dieser Einschränkungen weg. Die meisten Patienten können wieder ein fast normales Leben führen. Sie sind wieder mobil können ihre Reiseziele frei wählen. Sie können fast normal essen und trinken. Auch die Blutbildung funktioniert wieder einwandfrei.
Alles in allem: Nicht nur die Lebenserwartung auch die Lebensqualität steigert sich enorm.

Gibt es auch Nachteile?

Ja, die gibt es auch. Transplantierte müssen Immunsuppressiva nehmen - also Medikamente, die dafür sorgen, dass das eigene Immunsystem die neue Niere nicht abstößt. Damit wird auch die Fähigkeit des Körpers geschwächt, Krankheitserreger abzuwehren. Deshalb sind Transplantierte anfälliger für Infektionen als andere Menschen.
Darüber hinaus haben diese Medikamente auch Nebenwirkungen, wie beispielsweise Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck oder ein erhöhtes Krebsrisiko.

Worauf müssen Ärzte nach einer Transplantation besonders achten? Gibt es Unterschiede zur normalen Versorgung nach einer Operation?

Ja, es gibt Unterschiede: Wir müssen die Isolierungspflicht einhalten, da das Immunsystem unserer frisch operierten Patienten zunächst außer Kraft gesetzt ist. Deshalb kommen kleine Kinder und erkältete Menschen, die womöglich ansteckende Infekte haben, nicht als Besucher in Frage. Die Patienten sollten deshalb auch auf Blumen verzichten.
Die Heilung von Transplantierten ist verzögert, darauf müssen wir Rücksicht nehmen. Dennoch: Wenn alles gut läuft, kann mit einer Entlassung nach zwei bis drei Wochen gerechnet werden.

Wie wird ein Patient nach einer Transplantation betreut? Und wie lange dauert die Nachsorge?

Wir haben ein gutes, speziell geschultes Pflegeteam, das sich direkt auf der Station um die besonderen Belange der Transplantierten kümmert, bis sie entlassen werden. In den ersten drei Monaten kommen die Patienten regelmäßig zu uns und werden sorgfältig ambulant betreut. Wenn ihr Zustand stabilisiert ist, können viele nach sechs Monaten wieder arbeiten.

Grundsätzlich dauert die Nachsorge jedoch lebenslang. Denn die Immunsuppressiva müssen so lange eingenommen werden, wie das verpflanzte Organ funktioniert. Nach einer gewissen Zeit und gutem Verlauf, reicht es, wenn der Patient ein Mal im Jahr zur Routineuntersuchung nach Köln-Merheim kommt. Es muss allerdings sichergestellt sein, dass eine zusätzliche kompetente ärztliche Mitbetreuung erfolgt - am besten durch einen Nierenspezialisten.

Welche Komplikationen können auftreten?

Die schlimmste Komplikation ist eine Abstoßungsreaktion. Doch da sind die Medikamente mittlerweile so effektiv, dass wir so gut wie alle Nieren retten können. Allerdings bedeutet dies eine Erweiterung der immunsuppressiven Therapie, die in der Regel auch eine stationäre Behandlung notwendig macht.

Eine weitere Schwierigkeit in der Zeit nach der Operation betrifft die Patientenführung: Während sich die Patienten noch erholen, können bestimmte Krankheiten schlimmer werden. Dazu gehören beispielsweise Herzerkrankungen, die während der Dialyse unterdrückt wurden, nun aber hervortreten. Manche Menschen hadern dann mit ihrem Entschluss zur Transplantation. Sie sind oft ganz unglücklich, da sie jetzt plötzlich ein Herzproblem verspüren, das sie in der Dialysezeit nicht so wahrgenommen haben. Wir besprechen dann diese Probleme und machen deutlich, dass nach der Transplantation ihre Lebenserwartung um ein Vielfaches gestiegen ist - trotz möglicher Herzprobleme.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Warum haben Sie sich für die Transplantationsmedizin als Fachrichtung entschieden?

Eher zufällig: Nach dem Studium und der Grundwehrzeit habe ich eine Stelle gesucht und sie hier gefunden. Dann habe ich meinen Facharzt gemacht und später die Leitung des Transplantationszentrums übernommen. Ich arbeite sehr gern hier, auch weil ich mich mit meinem Team an aktuellen Studien und internationalen Tagungen beteilige. So kann ich unsere Patienten immer auf Basis des neuesten Forschungsstands versorgen.

 

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