Bericht eines Pflegers von einer Organspende: "Bei aller Routine menschlich"Ich arbeite seit Jahren als Pfleger an einem großen deutschen Krankenhaus. Jährlich entnehmen wir in unserem Zentral-Operationssaal zwischen 20 und 30 Mal Organe von einem Organspender.
Organspender unterscheiden sich äußerlich kaum von anderen Notfallpatienten, die in den Operationssaal gebracht werden. Es sind meist jüngere Menschen. Und es stimmt mich traurig zu wissen, dass es für sie keine Hilfe mehr gibt, da ihre Organfunktionen ohne technische Hilfe nicht mehr aufrecht zu erhalten sind. Manchmal erfragt man die Todesursache, will erfahren, welches Schicksal dahinter steckt. Aber meistens habe ich keine Zeit, mir über den Tod dieses Patienten Gedanken zu machen. Ich muss - oft unter Zeitdruck - meine Tische und sterilen Instrumente aufbauen. Erst später, wenn die Operation begonnen hat, während die Organe präpariert werden, habe ich manchmal ein wenig Zeit, über den Patienten, den ich überhaupt nicht kenne, nachzudenken.
Die Stimmung ist ruhigDie Stimmung am Operationstisch ist ruhig, viel ruhiger als bei anderen Operationen, aber nicht verkrampft. Dieser Mensch vor mir ist tot, hirntot. Es ist schade, dass er gehen musste. Eines habe ich in all den Jahren, die ich nun schon als Krankenpfleger tätig bin, lernen müssen: Bei allem, was wir tun, bei allem Fortschritt in der Medizin, der die großen Operationen erst ermöglicht, gibt es eine höhere Instanz, die all unser Tun und Streben absegnet.
Die Chirurgen entnehmen die OrganeDie Präparation der Organe schreitet voran. Die Kanülen für die so genannte Perfusionslösung, die die Organe für kurze Zeit haltbar macht, werden in die Beckenarterien eingelegt. Die Perfusionslösung hängt in Fünf-Liter-Beuteln an einem Infusionsständer. Gleichzeitig bekomme ich in einer Metallschüssel, die auf einem Beistelltisch steht, sterile Kochsalzlösung. Die Herzchirurgen punktieren den Aortenbogen mit einer scharfen Kanüle und durchströmen das Herz von dieser Stelle aus. Sie beginnen das Herz und gegebenenfalls die Lunge zu entnehmen. Danach explantieren die Allgemeinchirurgen die Leber und eventuell die Bauchspeicheldrüse. Ist dies geschehen, legen die Urologen die Nieren frei. Meist ist diese Situation so arbeitsintensiv, dass ich nicht einmal merke, wie der Anästhesist das Beatmungsgerät und danach den EKG-Monitor abstellt und geht.
Die Organe werden für den Empfänger vorbereitetAm Tisch bin ich jetzt allein mit dem Spender. Meine Kollegin gibt mir Nahtmaterial für den Verschluss von Brustkorb und Bauch des Patienten. Ich warte ein wenig. Die Chirurgen sind noch mit der Präparation der Organe beschäftigt, jede Gruppe für sich an einem extra dafür bereitgestellten Tisch. Die Herzchirurgen sind als erste fertig und verpacken das Organ in sterile Tüten und in ihre weiße Styorporbox. Sie haben es immer am eiligsten, denn sie müssen dieses Herz binnen sechs Stunden wieder zum Schlagen bringen. Die anderen präparieren noch. Jetzt kommt einer der verbliebenen Chirurgen und verschließt den Operationsschnitt. Ich helfe ihm dabei. Die Operation geht dem Ende entgegen. Ist die Hautnaht mit dem Wundpflaster bedeckt, werden auch die sterilen Abdecktücher entfernt. Alle Zugänge, Schläuche und Drainagen werden gezogen, das Kinn hochgebunden, die Hände gefaltet.
Ich bedecke den Organspender mit einem Tuch. Ich begleite ihn bis zum Vorplatz, wo er von der Hauptnachtwache übernommen wird. Sie ist in unserem Haus für die letzten Wege zuständig.

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